Immer & überall

Immer & überall


Wie mich ausgerechnet ein frecher Body-Shamer lehrte, dass es vielleicht doch nicht immer und überall um mich geht, obwohl ich offenbar die Zauberkraft besitze, Menschen in Säue zu verwandeln. Es lebt halt doch jede*r in der eigenen Bubble, in der er oder sie ständig um sich selbst kreist.

Vielleicht glaubst du, es gehe um dich, wann auch immer ein Grüppchen beisammen steht, tuschelt und kichert. Aber ich kann dich beruhigen: Jede*r ist sich selbst das Zentrum der Welt, schlüpft in die Augen aller anderen und versucht sich selbst aus deren Perspektive zu betrachten. Darum dreht sich jeder fast immer und überall nur um sich selbst und du kannst dich entspannen – auch wenn dir einmal etwas Peinliches passiert.


Um mir und dir diese Tatsache vor Augen zu führen, schreib ich diesen Song:

Immer & überall – der Song

Ich hör die Nachbarn schimpfen und glaub es geht um mich,
Drum gibt es mir im Herzen einen Stich
Schon geh ich in Gedanken hastig alles ab,
Was ich in dieser Woche schon verbrochen hab.
Als ich durch die Ziegelwand die Nachbarn schimpfen höre, versuche ich an den Fingern abzuzählen, was ich diese Woche schon alles verbrochen habe, aber mir fällt nichts ein. Also sage ich zu mir selbst:
Es geht nicht immer und überall und immer überall – 
es geht nicht überall und immer und immer überall –
es geht nicht immer und überall und immer überall –
es geht nicht überall und immer um dich.
Ein alter Herr hat vor drei Wochen in einem Kommentar
Erwähnt, dass ich auch schon mal schlanker war.
Der Alte hat damit bei mir angeeckt,
Ich glaub, dass er sich seither vor mir versteckt.
Ja, dieser Mann hat hinter meinem Rücken über meine Figur ausgehaut und er weiß, dass ich das weiß. Aber vielleicht hat es einen anderen Grund, dass er seither nicht mehr gesehen wird. Darum sage ich zu mir selbst:

Es geht nicht immer und überall und immer überall –
es geht nicht überall und immer und immer überall –
es geht nicht immer und überall und immer überall –
es geht nicht überall und immer um dich.

Nicht an diesem Raum,
Nicht in diesem Haus,
Nicht an diesem Ort,
Nicht auf diesem Blog.

Nicht in dieser Stadt,
Nicht in diesem Land,
Nicht in der EU,
Nicht auf dieser Welt.
Es geht nicht immer und überall und immer überall – 
es geht nicht überall und immer und immer überall –
es geht nicht immer und überall und immer überall –
es geht nicht überall und immer um dich.
Die Leute da drüben schauen nur in mein Gesicht.
Was sie reden, versteh ich nicht.
Doch eines weiß ich sicher – ich zweifle nicht,
Dass ich die Person bin, über die man spricht.
Kann es sein, dass diese Gruppe da drüben gar nicht miteinander spricht? Also sage ich einmal mehr zu mir:
Es geht nicht immer und überall und immer überall – 
es geht nicht überall und immer und immer überall –
es geht nicht immer und überall und immer überall –
es geht nicht überall und immer um dich.

Der aufmerksame Herr von Strophe 2


Der ältere Herr aus Strophe 2 hat von mir den Spitznamen „Body-Shamer“ erhalten. Es handelt sich um einen (vermutlich) alleinstehenden, gelangweilten, etwa 70-jährigen pensionierten Metallarbeiter, der mir dann und wann zufällig in der Fußgängerzone, in Einkaufszentren, in Seitengassen begegnet. Schließlich dürfte er keinem anderen Hobby nachgehen, als den ganzen Tag spazieren zu gehen.

Ich kenne nicht einmal seinen Namen, aber für ein paar Takte Smalltalk reicht unsere lose Bekanntschaft aus. Eines Tages traf ich ihn vor einem Café und er ließ seinen Blick von meinem Gesicht bis hinunter zu den Schuhen wandern.


An meiner Baggy-Pant mit prall gefüllten Seitentaschen dürfte er sich wohl gestoßen haben, denn eine Stunde später fragte er eine Nachbarin mit weit ausholender Geste: „Warum hat denn die eine da so zugenommen?“


Also weiß auch er nicht einmal meinen Namen, wenn er mich „die eine da“ nennt. Die Nachbarin erzählte mir brühwarm davon und wühlte mich damit auf, auch wenn „der eine da – der Body-Shamer“ als Person nicht wichtig für mich ist.

Bei der nächsten Begegnung rannte ich auf ihn zu und verzichtete fortan auf die Höflichkeitsform „Sie“, als ich ihm zurief: „Danke, dass du mich mit deiner Bemerkung über meine Figur motiviert hast, wieder mehr Sport zu treiben!“ „Ich hab ja nur … ich wollte ja nur …“, stammelte er.

Aber ich ließ ihn nicht ausreden und sagte im Weitergehen: „Ich werde mir dein Portätfoto als Bildschirmschoner aufs Handy laden, damit ich immer schön motiviert bin, Sport zu betreiben und zu fasten.“


Der Mann hatte nichts Besseres zu tun, als umgehend die Nachbarin aufzusuchen und sie anzufahren: „Warum können Sie Ihren Mund nicht halten? Die eine da hat mich gerade voll zur Sau gemacht. Sie soll weiter fressen, damit sie noch blader wird.“

Ich weiß nicht, wie ich es angestellt habe, aber ich soll den Herrn also zur Sau gemacht haben. Als Sau konnte er sich vielleicht länger nicht sehen lassen. Denn:


Nach diesem Eklat sah ich ihn viele Wochen nicht und auch die Nachbarin oder andere Menschen der Stadt begegneten ihm nirgendwo, was für einen Herrn, der sonst immer und überall zufällig auftaucht, ungewöhnlich war. Also schlussfolgerte ich, der Mann gehe mir aus dem Weg oder verstecke sich aus Scham sogar, schließlich hatte ich ihn ja zur Sau gemacht.

Aber es bestand auch die klitzekleine Möglichkeit, dass der Sau-Zauber sofort wieder verflogen war, er gut eingeölt an irgendeinem fernen Strand urlaubte und gar nicht an mich dachte.


Vielleicht hatte er sich nicht vor mir versteckt, sondern war tatsächlich nur im Urlaub gewesen, denn nach einigen Wochen erblickte ich den gebräunten Body-Shamer wieder.

Bei der ersten Begegnung nach der Funkstille blödelte ich, indem ich meine Backen aufblies und mit den Armen eine gigantische Leibesfülle andeutete, womit ich ihm ein verlegenes Lächeln entlockte. Mittlerweile sind wir wieder bei kurzen, passiv-aggressiven Smalltalk-Sequenzen angelangt.


Er ist halt noch einer vom alten Schlag, der glaubt, die weibliche Figur sei Allgemeingut und seine Meinung dazu von öffentlichem Interesse. Er lebt halt auch nur in seiner eigenen Bubble und in dieser darf er seine Meinung über fremde Körper gerne bewahren.

Übrigens habe ich für Leute wie den Body-Shamer eine extrige Hymne:

Freilich will jeder Mensch gesehen werden, denn niemand will der Welt gleichgültig sein, dennoch ist es eine erleichternde Erkenntnis, dass es nicht immer und überall um dich oder mich geht. Und falls doch einmal über dich oder mich gelästert wird, können wir uns beruhigen, denn was in einer fremden Bubble geschimpft wird, interessiert im Endeffekt keine Sau.

Aber ich hoffe, es interessiert dich, was auf diesem Blog abgeht. Jeden Montag erscheint ein neuer Beitrag, den du dank Smartphone immer und überall lesen kannst. Schau wieder rein:

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