Ich sollte etwas sein

Ich sollte etwas sein

Ich sollte ein rundum angenehmer Mensch sein – nicht aufmüpfig, für jeden Spaß zu haben und treu bis in den Tod. Oder? Wer allem gerecht werden will, was er/sie zu sollen glaubt, erleidet auf der Strecke garantiert einen Kolbenreiber – auch wenn er/sie ein super Auto fahren sollte. Eine Ermutigung zur Lücke und ein Horrorszenario.

Ich sollte positiver denken und viel mehr auf das Schöne in dieser Welt fokussieren.
Ich sollte etwas mehr Politik und Missstände thematisieren.
Ich* sollte mit dem Ist-Zustand zufrieden sein.
Ich* sollte nie zufrieden sein und mich (sowie die Gesellschaft) optimieren.
Ich* sollte etwas abnehmen.
Ich* sollte mit meinem Körper zufrieden sein.
Ich* sollte mich nicht ausnutzen lassen.
Ich* sollte immer hilfsbereit sein und auch in der Arbeit alles geben.
Ich* sollte mehr an mich denken.
Ich* sollte nicht immer nur an mich denken.
Ich* sollte etwas mehr Reichtum anhäufen.
Ich* sollte zufrieden sein.
Selbstoptimierung, um den Interessen aller Stakeholder rundherum gerecht zu werden? Einfach unmöglich! Darum ist es wichtig zu erkennen, wessen Interessen wirklich zählen.

* Übrigens: Die meisten „Ich“ da oben drehen sich nicht wirklich um mich, sondern im Sinne des lyrischen Ichs um alle, die sich damit identifizieren.

Merkst du etwas? Ich* sollte mich drehen und wenden, um allem gerecht zu werden. Es ist ein sowieso ein Ding der Unmöglichkeit, all diesen Empfehlungen nachzukommen, weil sie sich teilweise widersprechen.

Ich sollte etwas sein – der Song

Ich sollte etwas reicher sein,
Mit etwas mehr Besitz.
Dann steig ich in mein Auto ein,
Mit geheiztem Ledersitz.
Ich hätt drei Villen mit Personal
Und einen Wintergarten.
Zugfahrpläne wären mir egal,
Mein Jet würd auf mich warten.
Das ist eine der drei Villen mit Personal, die ich besitzen sollte. Ich sollte den Pool wieder mal frisch befüllen.
Wer will schon, was ich sollte? Wer kann schon, was ich muss? Wen juckt's schon, was ich könnte? Also bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei! Bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei!
Ich sollte etwas besser sein,
Sozial brav engagiert.
Meine Seele wäre blütenrein,
Ich immer gut frisiert.
Dann wär ich bei der Feuerwehr
Oder beim Rettungsdienst sogar.
Ich richte süße Torten her,
Für Pfarrfest und Benefiz-Bazar.
Diese Torte sollte ich für den Benefiz-Bazar backen. Aber dann sollte ich mich auch noch in die Liste zur Stand-Betreuung eintragen und auch rechtzeitig antanzen.
Wer will schon, was ich sollte? Wer kann schon, was ich muss? Wen juckt's schon, was ich könnte? Also bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei! Bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei!
Ich sollte etwas böser sein,
Wie ein Luder im TV.
Dann bliebe mein Gewissen rein,
Obwohl ich nur auf mich – mich schau.
Würd die Behörden eiskalt schmieren
Und Gauner für mich werken lassen,
Von der Arbeit anderer profitieren,
Sie dürften mich auch gerne hassen.

Eine neue Studie belegt, dass viele Chefs die loyalsten Mitarbeitenden am meisten ausnutzen. Also sollte ich eher – wie ein Luder im TV – nur auf meinen Vorteil schauen? Denn wer nutzlos ist, kann nicht benutzt werden.

Übrigens: Ich habe den Konjunktiv II bereits an anderer Stelle thematisiert:

Wer will schon, was ich sollte? Wer kann schon, was ich muss? Wen juckt's schon, was ich könnte? Also bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei! Bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei!

Warum ich nicht nur auf das Gute und Schöne fokussieren kann

Aber zurück zum Anfang, als ich sagte: „Ich sollte positiver denken und viel mehr auf das Schöne in dieser Welt fokussieren.“ Das war ernst gemeint, denn jeder Blick auf Nachrichtenportale erzeugt schon Grauen genug, wie ich schon im Beitrag „Gruselkabinett“ ausführlich diskutiert habe:

Und warum sind die Nachrichten schrecklich? Ich würde mal sagen: zu 85 Prozent, weil wir Menschen es nicht schaffen, in Respekt und Frieden miteinander zu leben. Kriege und Terror sind das Schrecklichste.

Auch bei uns, wo Wohlstand und „Frieden“ herrschen, spielt sich der Terror mitunter verborgen – hinter den Mauern des trauten Heims – ab. 

Ich finde es sehr gut und wichtig, dass mit verschiedenen Aktionen Gewalt (an Frauen) thematisiert wird. Man kann nicht genug dafür sensibilisieren.

Zum Beispiel die Aktion „Orange the World“ wäre so eine wichtige Sensibilisierung. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, klicke hier.

„Orange the World“ ist eine globale Kampagne von UN Women, die jährlich vom 25. November (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen) bis zum 10. Dezember (Internationaler Tag der Menschenrechte) läuft, um durch die Farbe Orange ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen zu setzen, die Aufmerksamkeit zu erhöhen und zur Enttabuisierung des Themas beizutragen, indem Gebäude, Denkmäler und öffentliche Orte orange beleuchtet werden. 

Lass mich dir die Wichtigkeit des Wissens um das Recht auf Gewaltfreiheit am Fall Carina demonstrieren:

Das ist Carina. Sie hatte gedacht: „Ich sollte etwas toleranter sein, nicht gleich aufgeben, wenn es mal nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle.“ Und sie ließ einen jungen Lebensgefährten ins Haus, der nichts beitrug zum gemeinsamen Leben. Nicht ein lumpiges Handtuch hatte er mitgebracht. Dafür eine große Portion Eifersucht – auf alles, was sie besaß und auf jeden, mit dem sie zu tun hatte.

Er wurde zunehmend übergriffiger, gewalttätiger. Carina machte sich nur selbst Vorwürfe und sagte zu sich: „Ich sollte etwas zurückhaltender anderen Menschen gegenüber sein. Ich sollte eine bessere Hausfrau sein. Ich sollte mehr Geld verdienen.“


Was Carina selten dachte, war: „Ich sollte Hilfe holen, um diesen Verbrecher, rauszuwerfen. Ich sollte mir diese Gewalt nicht gefallen lassen.“ Und warum? Weil es in Carinas Kopf noch nicht verankert war, dass sie keine Gewalt verdient. Darum ist das öffentliche Sensibilisieren so wichtig, wenn es viele Familien schon nicht schaffen!

Das ist eine Warnung davor, häusliche Gewalt zu verharmlosen. Carina sah die Verantwortung nur bei sich: „Ich sollte ihm helfen, seine Kindheitstraumata zu verarbeiten.“ Dieses „Ich sollte“ hätte ihr beinahe das Leben gekostet. Jetzt sollten wir die Frage stellen: „Wer erzieht eigentlich manche Burschen so, dass sie denken, Gewalt gegen Frauen und Kinder sei in Ordnung?“ Um solche Verbrecher geht es auch im Beitrag „Das wirklich, wirklich Böse“:


Wer will schon, was ich sollte? Wer kann schon, was ich muss? Wen juckt’s schon, was ich könnte? Also bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei! Bin ich frei, bin ich frei, bin ich frei?

Solange es da draußen so übergriffige Menschen gibt, ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit (Medien, Politik, …) auf psychische und körperliche Gewalt aufmerksam macht. Solche Szenarien gehören publik gemacht und stigmatisiert. Weil diese Gewalt meist hinter den „schützenden“ Mauern des trauten Heims stattfindet, liegt die Verantwortung nämlich wirklich bei jedem selbst.

Der richtige Text würde also lauten: „Ich sollte mir bewusst sein, dass ich richtig bin, wie ich bin. Ich sollte die Grenzen kennen, die niemand überschreiten darf. Ich sollte mir immer bewusst sein, dass ich frei bin, ’nein‘ zu sagen.“

Erst wenn jede(r) diese Grenzen kennt und akzeptiert, kann ich mich in diesem Blog ausschließlich auf das Schöne und Gute fokussieren.

Ich finde es schon jetzt schön und gut, dass du bis hierher gelesen hast. Jeden Montag um 7 Uhr erscheint ein neuer Blog-Beitrag. Das sind die neuesten:

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    Von wunden Herzen über den Wunsch nach Perspektive bis zum weißen Weihnachtswunder: Zum Halbjahresjubiläum dieses Blogs gibt es heute die zweiten drei Monate im Schnelldurchlauf. Das Special zum Jahreswechsel 2025-2026, Volume 2.

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