Phantasien

Phantasien

Als die Bettlade noch das Tor zu einer phantastischen Parallelwelt war und die Astlöcher auf jedem Brett Theater spielten: Phantasien darf nicht untergehen, denn ein bisschen kindliches Kopfkino macht den Boden der Realität nicht nur erträglicher sondern auch ein bisschen schöner.

„Nachts, wenn Ihr schon schlaft, dann klappe ich mein Bett auf. Nur zu einer bestimmten Zeit tut sich eine kleine Türe auf, hinter welcher eine Treppe verborgen ist – eine von der Art, die in vielen Häusern auf den Dachboden führt, nur dass diese auf zauberhafte Weise nach unten in eine völlig andere Welt führt.“ So begann eine Geschichte, die ich meinen Geschwistern an unzähligen Abenden erzählte.

Eine völlig andere Welt, in welcher die Schwammerl so groß sind, dass du unter ihnen Schutz suchen kannst, falls es mal regnen sollte.

Es handelte sich um ein Einzelbett mit grau-rot gestreiftem Stoffbezug, dessen Liegefläche man aufklappen konnte, um unter Tags das Bettzeug im darunter befindlichen Hohlraum zu verstauen. Darum fungierte die Schlafstätte am Tag als Couch. In den späten 1980er Jahren gehörte so etwas zur Standardeinrichtung von Kinderzimmern.

Aber warum sollten wir uns mit dieser nüchternen Betrachtung begnügen? Durch Phantasie konnte dieses 1980er-Jugendbett für uns in bestimmten Zeitfenstern zur geheimnisvollen Pforte in das parallele Zwergenland werden.

Es war ein Land, in welchem völlig andere Regeln herrschten als in der Realität. Die bunten Blumen waren dort so groß, dass sie dem Gast, der durch die Bett-Pforte kam, bequeme Liegestätten und schützende Dächer werden konnten.

Jedes Blümchen bot Geborgenheit und die Bewohner*innen dieser Parallelwelt waren friedliche, gastfreundliche Gesellen, die nicht auf die Idee kamen, den Besuch als Eindringling oder gar als Gefahr zu betrachten.

Es gab bunte Vögel, die den Gast mitunter auf ihre Rücken setzen ließen, um sich mit ihm in die Lüfte zu schwingen. Selbst die Himmelskörper lächelten uns wohlwollend zu, wenn wir ihnen während eines Fluges näher kamen.

Meinen Geschwistern malte ich diese geheime Welt in derart bunten Farben aus, dass sie in meiner Phantasie immer mehr Gestalt annahm und mir dieser Rückzugsort Freude bereitete. Bruder und Schwester wussten genauso gut wie ich, dass mein beschreibendes Erzählen reine Fiktion war, dennoch mochten auch sie diese Vorstellungen.

Wenn ich darüber nachdenke, was die Kindheit zu einer schönen Zeit macht, dann ist es wohl die Phantasie, die es einem erlaubt, von einer Sekunde auf die andere in eine Parallelwelt abzutauchen. Und denke ich darüber nach, was das Erwachsenendasein grau macht, dann ist es das Unvermögen, eben das zu tun.

Darum verstehe ich die Vertreter der romantischen Kultur- und Literaturepoche (1795-1848), die von der rationalen Aufklärung und der Klassik genug hatten und sich nach dem Fantastischen, Beseelten, Wunderbaren, aber auch Schaurigen sehnten.

Michael Ende hat in seinem 1979 erschienen Roman „Die unendliche Geschichte“ mit Phantásien das Reich der Phantasie, das vom fortschreitenden Nichts zerstört zu werden droht, thematisiert.

Die Vertreibung aus diesem kindlichen Phantásien vollzieht sich in den meisten Biografien schleichend. Aber ist das nicht irgendwie schade?

Früher wurden die Astlöcher jeder Holzvertäfelung für mich zu Figuren einer Geschichte, die Flecken am Asphalt erschienen mir als Protagonisten irgendeiner geheimnisvollen Story, der sich ständig transformierende Wolkenhimmel war großes Kino für mich. Und schlimm? Mir war die Fiktionalität dieser beseelten Welt ja bewusst, trotzdem genoss ich sie.

Phantasie kostet nichts und ist bestimmt nicht so schädlich wie ein regelmäßiger Vollrausch, Drogenkonsum oder Dauerfrust.

Mein Jugendbett aus den späten 1980ern gibt es nicht mehr, aber ich werde in den nächsten Tagen Nachschau halten, ob sich nicht unter meinen jetzigen Möbelstücken irgendwo ein Portal in eine buntere, friedlichere Welt, in die ich mich ab und zu träumen kann, findet.

Diese Seite ist jedenfalls ein Portal zu einer Menge Geschichten. Schau nächsten Simountag wieder rein!

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