Göttin

Göttin


„Ich werde Göttin“ klingt wie der Berufswunsch einer Größenwahnsinnigen. Aus der Luft gegriffen ist dieser Plan nicht, denn ein paar Selbstüberschätzer haben sich tatsächlich schon zu Gurus hochstilisiert. Aber in meinem Fall war es lediglich die Furcht, den Rahmen der Normalität zu sprengen. Denn nicht normal sein – wer will das schon?


Die Chinesin Zeng Jinlian (1964-1982) gilt mit 2,43 Meter als die größte Frau, die jemals auf der Welt gelebt hat. Ihre Eltern und Geschwister waren klein, bzw. normal, aber sie hatte einen hormonellen Defekt und überragte bereits im Alter von fünf Jahren ihre Mutter. Mit 13 Jahren war sie bereits weit über zwei Meter groß.

Ich selbst begann meine Eltern mit 13 Jahren zu überragen, ein Blick auf den Eintrag über die größte Frau der Welt im damaligen Guiness Buch der Rekorde genügte, um mir panische Angst einzujagen.

Was, wenn auch ich an solch einem Gigantismus litt?


Jeder Verwandtenbesuch heizte meine Furcht an, denn der Spruch „Kind, bist du aber groß geworden“ war Standard. Oder sie schlugen bei meinem Anblick die Hände über dem Kopf zusammen und riefen: „Kind, wo wächst du hin?“


Es waren unzählige Nächte, in denen ich mich schweißgebadet im Bett wälzte und verzweifelt nach Ideen rang, was wohl aus mir werden sollte, falls mich das gleiche Schicksal wie die gigantische Chinesin ereilen sollte.

Ferne Inseln, wie ich sie in Abenteuerfilmen gesehen hatte, schienen mir als Ausweg. Dort könnte ich mit einem Boot stranden, elegant über den Sandstrand schreiten und mich vor den Inselbewohner*innen als „ihre neue Göttin“ ausgeben.


Nun gut. Die Angst, Rekorde zu brechen ist in den Hintergrund gerückt, aber der Gedanke, Göttin zu werden, verdient doch einen Song:

Göttin – der Song

Sollte überhaupt nix klappen,
Werd ich mir ein Booterl schnappen,
Mich damit auf eine Insel scheren,
Lass mich dort als Göttin verehren.
Auf eine Insel – ganz weit weg:
Ozeanien, Karibik oder Permudadreieck.

Irgendwo musste ich ein Boot herkriegen.

Ich werd Göttin.
Das ist mein Plan B,
Falls ich mich hierzulande nimmer außiseh.
Ich werd Göttin
irgendwo im Ozean,
Falls ich hierzulande keinen Job mehr finden kann.
Ich werd Göttin …
Wenn man für die westliche Zivilisation zu groß ist, was bleibt dann? Zirkus oder Kultfigur.
Die Insulaner würden mir zu Füßen liegen,
Unter meinem Schutz Feinde besiegen.
Feldfrüchte würden üppig gedeihen,
Die Brunnen immer Wasser speien.
Falls ich mal die Erde kratz,
Heben sie bald darauf einen Bodenschatz.
Ich werd Göttin.
Das ist mein Plan B,
Falls ich mich hierzulande nimmer außiseh.
Ich werd Göttin
irgendwo im Ozean,
Falls ich hierzulande keinen Job mehr finden kann.
Ich werd Göttin …

Die lange Reise hätte wohl auf der Donau starten müssen.

Es gäb Feiertage zu meinen Ehren,
Alle würden mich aus der Ferne begehren.
Sie würden Opfergaben zu mir bringen,
Lobeshymnen auf mich singen.
Will jemand mir Liebesdienst erweisen
braucht er nur einmal um mich kreisen.
Ich werd Göttin.
Das ist mein Plan B,
Falls ich mich hierzulande nimmer außiseh.
Ich werd Göttin
irgendwo im Ozean,
Falls ich hierzulande keinen Job mehr finden kann.
Ich werd Göttin …
Wie Inselbewohner*innen wohl tatsächlich reagieren würden, wenn eine überdimensionale Fremde mit ihrer Nussschale stranden und sich als Göttin präsentieren würde? Das will ich gar nicht wissen.


Okay, das waren unreife Gedankenspiele einer verzweifelten Jugendlichen, die ich als Erwachsene rückblickend auf die Schaufel nehme. Aber Schmäh ohne, es gibt sie – Gurus, die solche Wünsche in Realität umsetzen. Sie machen ihre Gefolgschaft abhängig und profitieren von deren Ergebenheit. Das ist doch auch nicht normal, oder?

Aber es ist mittlerweile schon ganz normal, dass jeden Montag um 7 Uhr ein neuer Beitrag erscheint. Das sind die Neuen:

  • Die gute und die schlechte Abhängigkeit
    Der Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde?
  • Positives Festkleben
    Die Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.
  • Voll gefoggt
    Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
  • ‘Sie ist ja selber schuld’
    Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
  • “Ich war zu wählerisch”
    Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.

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