Die Biomülltonne und das menschliche Gehirn haben eine gemeinsame Feindin: die Störstoffbelastung. Wie das Plastiksackerl den Kompost ruiniert, so schaden grausliche Erinnerungen und Ängste der inneren Ruhe. Darum verstehe ich nicht, warum man sich Psychoterror absichtlich ins Haus holt.
In einem schneeweißen Partyzelt lehnte ich vor ein paar Jahren zwischen anderen Gästen an einem reinweiß gedeckten Stehtisch und lauschte der Ansprache eines Technikers, der nur über Mist sprach.
Anlass des Events war nämlich die Eröffnung einer Kompostieranlage in meiner Gegend. Fortan sollte dort Biomüll in Mistautos angekarrt, auf Förderbänder geschüttet und nach einem aufwändigen Kompostierungsverfahren in wertvolle Erde verwandelt werden.
Ich erlaubte mir, den Techniker nach seiner offiziellen Rede zu fragen, ob all die Zitronennetze, Gurken-Kunststoffüberzüge oder Suppengemüse-Schaumstofftassen, die mitunter auch im Biomüll landen, nicht das wertvolle Endprodukt versauen würden.

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Brilliantring (links oben), Armbanduhr (rechts oben), Tschickstummel (rechts mittig)
Das Gesicht des Technikers rötete sich leicht und mit aufkeimender Wut in der Stimme erklärte er: „Die Störstoffbelastung ist ein Riesen-Problem. Für uns ist es ein extremer Aufwand, die Störstoffe aus dem Biomüll herauszufiltern und das nur, weil manche Leute einfach nicht mitdenken und hirnlos alles in die Biotonne werfen!“
Trotz all der Tragik für die Humusaufbereitung fand ich Gefallen am Wort „Störstoffbelastung“ und dachte sofort an all die Störstoffe, die sich so im menschlichen Geist verfangen.
Das Leben mutet uns doch oft genug Erfahrungen und Probleme zu, die sich als Störstoffbelastung im Gehirn festkrallen – als Erinnerungen, ja Traumata, die wir nicht so einfach aus dem Kopf kriegen.

Mir reicht der ganz normale Alltags-Wahnsinn, darum weigere ich mich, mir noch mehr künstliche Störstoffe in Form von Horrorfilmen oder Psychothriller zuzuführen. Poltergeist und Kollegen? Bitte spukt anderswo, aber nicht bei mir!
Die täglichen Nachrichten sind immer – und das eigene Leben manchmal – tragisch genug, da brauche ich nicht auch noch erfundene Horrorszenarien. Und das drücke ich im folgenden Song aus:
Gruselkabinett – der Song
I brauch kan Horrorfilm
Um mich zu schrecken,
Denn was die Horrorfilm’ bezwecken,
Hat das ganz normale Leben
Uns schon tausendmal gegeben.
I brauch ka Trauerspiel.
Soll es mich berühren,
Wenn's ma a Tragödie vor der Nasn aufführen?
Dann halten’s mich noch füra Norrn (Narren Anm.)
Mit einer Reih’ von Ungunstfaktor’n.
Mein Kopf ist störstoffbelastet, doch ich hätt ihn gerne rein.
Will doch nur störstoffentlastet und frei von Grauen sein.
Störstoff … Störstoff raus!
Ach du Schreck! „It“ von Stephen King sah ich in meiner Jugend noch auf VHS, aber den depperten Clown, der aus dem Gully keucht, krieg ich bis heute nicht aus dem Kopf. War das notwendig?

I brauch kan Psychothriller,
Kan irren Killer,
Kan Clown der aus dem Ausguss keucht,
Ka Wolkn, die die Welt verseucht –

Den Jugendroman „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang las ich als Kind: nachhaltig erschütternd. Als Film gibt es das angsteinflößende Horrorszenario auch. Dass Atomkraft ein realer Störstoff ist, macht es nicht besser.
Kan Tintifax, ka böse Hex,
Kan wiederbelebten Brontosaurus Rex,
Ka Zombiegang, kan Poltergeist,
Ka Vogelschar, die Bomben scheißt.
I brauch ka Fiktion in diesem Stile,
Gruselkabinette gibt’s schon viel zu viele.

Mein Kopf ist störstoffbelastet, doch ich hätt ihn gerne rein.
Will doch nur störstoffentlastet und frei von Grauen sein.
Störstoff … Störstoff raus!
„Die Vögel“ von Alfred Hitchcock sind sowieso das Allerletzte. Mit diesen gefiederten Störstoffen im Kopf sollst du bei Sichtung des nächsten Stadttauben-Schwarms keinen Schreikrampf kriegen.

Ach wenn die Welt doch die verlöre,
Die fleißig sind als Grusel-Regisseure.
Wenn die Welt zum Gruselkabinett wird
Mit Abstand am meisten traumatisierte mich „The Sixth Sense“ – der Film, in dem Bruce Willis als Psychiater einen Jungen, der tote Menschen sieht, betreut.
Um die Jahrtausendwende ließ ich mich ahnungslos von einer Gruppe Freunden ins Kino mitschleifen und war, als ich das Kino verließ, völlig verstört. Der Blockbuster hatte mich in eine tiefe Krise gestoßen, die viele Monate anhalten sollte. Szenen des Films hatten sich in meinem Kopf als Störstoffe festgesetzt und belasteten mich fortan in den Nächten, aber auch unter Tags. Aber es waren nicht nur die gruseligen Geister, die mich quälten.
Übrigens können sich Gruselfilme auch einfach als Träume in den Kopf schleichen:
Der Film hatte es geschafft, mich so tief zu erschüttern, dass ich in eine abgrundtiefe Angst vor dem Tod und vor dem Ungewissen stürzte. Ein Gefühl von Schwere, Aussichtslosigkeit und Sinnlosigkeit des Daseins ergriff mich und ich weinte mich jede Nacht in den Schlaf, falls ich überhaupt schlafen konnte.
Trösten konnte mich zu dieser Zeit gar nichts. Auch Ablenkung funktionierte nicht. Im Supermarkt beobachtete ich Leute, die mit gleichgültigen Gesichtsausdrücken ihre Einkäufe für das Millenniumssylvester vor sich herschoben und beneidete sie um ihr Nicht-Wissen von der Aussichtslosigkeit des Daseins.
Ein Tripp nach Paris, ein Wochenende in der Therme, Shopping auf der Mariahilferstraße – all das führte mir die Sinnlosigkeit noch plakativer vor Augen und zeigte mir, wie allein ich mit meiner Angst war. Kirchgänge sorgten dafür, dass es mir noch schlechter ging, weil die blutrünstigen Kreuzwegsbilder und der Fokus auf Leiden und Tod mich erst recht hinunterzogen.
Ich konnte in dieser Talsohle meines Lebens nur durch das aktive, kreative Schaffen Kraft finden, wieder bergauf zu gehen. Wie erwähnt, sind diese Texte, Cartoons, Songs meine Art, das Leben zu reflektieren.
Nun weißt du, warum ich allergisch gegen Psychothriller und Horrorfilme bin. Von Aktenzeichen XY und dem ganzen True Crime-Genre fange ich hier lieber erst gar nicht an, sonst reg ich mich nur auf – und das wäre wieder ein unnötiger Störstoff. Aber es gibt Hoffnung – zumindest für den Biomüll.
Vor kurzem las ich, dass Techniker mittlerweile einen hocheffizienten Störstoffscanner entwickelt haben, der jetzt auch in besagter Kompostieranlage all die Zitronensackerln und den übrigen synthetischen Mist aus der Masse an faulen Äpfeln, welken Salatblättern und matschigen Mandarinen ortet, damit sie gezielt entfernt werden können.
Ach, ließe sich die Störstoffbelastung in uns Menschen drinnen doch auch so effizient scannen und entfernen.
Ja, die Welt ist voller Gruselkabinette, aber dieser Blog erinnert dich dran, dass du nicht in jedes hineingehen musst. Danke, dass du hier bist! Jeden Montag erscheint ein neuer Beitrag:
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