Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.
Ferdinand wurde 1972 geboren, hat studiert, sich eine Karriere aufgebaut und besitzt zwei riesige Anwesen. Dennoch fehlte lange Zeit etwas. Ich bitte den Niederösterreicher zum Interview.
SIMOUN: Sie sind jetzt knappe 54 Jahre alt, blicken auf ein paar groteske On-Off-Beziehungen zurück und sind nach wie vor ledig. Was war Ihr Wunsch in der Jugend?
FERDINAND: „Ich wollte eine klassische Familie haben mit einer wunderschönen Frau und mindestens zwei Kindern.“
SIMOUN: Dieser Wunsch hat sich nicht erfüllt. Woran liegt das?
FERDINAND (lacht): „Natürlich nur an den Frauen.“
SIMOUN: Was haben die Frauen falsch gemacht?
FERDINAND: „Das habe ich humoristisch gemeint. Im Ernst: Ich habe zu lange nach der Perfekten gesucht. Ich war zu wählerisch.“
SIMOUN: Wie gestaltete sich diese Suche?
FERDINAND: „Gutes Aussehen war Voraussetzung, sie musste sportlich sein, gebildet, und über ein gutes, eigenes Einkommen verfügen. Und nachdem ich einen landwirtschaftlichen Betrieb habe, musste sie auch für die Arbeit geeignet sein. Und das Sexuelle ist ein K.O.-Kriterium. Wenn sie nichts taugt, dann hat sie keine Chance.“

SIMOUN: Bieten Sie selbst denn all das, was Sie von einer Frau erwarten?
FERDINAND: „Ich glaube schon, dass ich in vielen Bereichen diesen Kriterien entspreche. Für mein Alter habe ich eine sehr sportliche Figur und ich bin immer noch sportlich. Ich bin immerhin Akademiker und habe eine breite Interessenlage. Ein gutes, eigenes Einkommen habe ich durchaus, aber das ist relativ. Es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, ich hätte es geschafft. Das werde ich vermutlich auch nie haben.“
SIMOUN: Diese hohen Ansprüche haben Sie heute mit 54 Jahren immer noch?
FERDINAND: „Nein. Meine Erwartungen an das Leben und an eine Partnerin haben sich deutlich reduziert. Heute ist mir wichtig, eine Frau zu haben, mit der ich den Alltag gut meistern kann. Es ist mir wichtig, dass man gemeinsam lachen kann, vielleicht ein oder zwei gemeinsame Hobbys hat und sich grundsätzlich gut verträgt. Mein Anspruch an Perfektion hat sich sehr relativiert.“
SIMOUN: Wenn Sie früher eine attraktive Frau hatten, haben Sie dann immer nach anderen geschielt, ob sich denn nicht etwas Besseres findet?
FERDINAND: „Ja, genau so war es. Ich war immer der Meinung, es sei besser, sich nicht fix zu binden und zu sehen, ob sich nicht etwas Besseres findet.“

SIMOUN: Ich führe diese Interviewreihe, um der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Partnerschaften nachzugehen. Darum stelle ich verschiedene Positionen vor. Worin sehen sie den Sinn?
FERDINAND: „Wenn man zu lange alleine ist, wird man skurril und neurotisch. Ich zum Beispiel bin ein Monk-Typ und wenn man alleine ist, dann verhärten sich solche Eigenschaften. Die Denkwelt wird kleiner. Es muss jedes Trumm auf seinem Platz liegen. Ich glaube, dass sich die Eigenheiten ungehindert eindimensional weiterentwickeln und die Gefahr besteht, dass man eine skurrile Persönlichkeit wird.“

SIMOUN: Der Sinn einer Partnerschaft besteht für Sie also auch darin, sich vor Neurosen zu schützen. Warum sehnt man sich noch nach Gemeinsamkeit?
FERDINAND: „In einer Beziehung muss man sehr viel Kompromisse eingehen. Ziel des Lebens ist auch, sich selbst zu erkennen und man erkennt sich nur im Kontext mit anderen Menschen selbst, weil man sich sonst nicht in der Vielfalt sehen kann und Gefahr läuft, sich selbst zum Normativ zu machen.
In der Andersartigkeit seiner Mitmenschen erkennt man sich.
Es gibt in vielen Religionen den völligen Rückzug; zum Beispiel Einsiedler, die sich im Himalaya für Jahre in eine Höhle zurückziehen. Zum anderen lehren die Weltreligion, dass man die Religiosität im Kontext mit anderen Menschen leben soll.
Was bringt dir die Weisheit, wenn du dich in eine Höhle zurückziehst und kontemplativ als Einsiedler agierst?“
„Wenn man älter ist, weiß man: Nichts ist sicher. Es sind Zeitphasen, in denen die Dinge funktionieren. Diese sollte man sehr genießen.“
Ferdinand (fast 54)
SIMOUN: Sie scheinen vor wenigen Monaten die Richtige gefunden zu haben. Es ist zwar vorerst eine Wochenendbeziehung, aber diese Zeit nutzen Sie intensiv, zum Beispiel arbeiten Sie miteinander in der Landwirtschaft. Sind Sie nun angekommen?
FERDINAND: „Jetzt freue ich mich auf jedes Wochenende. Als ich alleine war, habe ich mich oft vor der Einsamkeit an den Wochenenden gefürchtet. Man braucht diese Gemeinsamkeit. Man braucht ein paar Themen, an denen man gemeinsam Freude hat. Das kann auch das gemeinsame Arbeiten sein. Meine Partnerin soll auch mein bester Freund sein. Das ist nicht einfach, aber anders kann ich es mir nicht vorstellen. Das, was mich berührt als Mensch, das möchte ich mit der Partnerin teilen, ohne jede Heimlichtuerei.“
SIMOUN: „Freundschaft“ ist ein gutes Stichwort, denn erst vorige Woche habe ich ein junges Paar interviewt, das Partnerschaft und Freundschaft als Einheit betrachtet:
Die Beiden nannten aber auch Sicherheit und Vorhersehbarkeit als absoluten Vorteil. Wie sehen Sie das?
FERDINAND: „Wenn man älter ist, weiß man: Nichts ist sicher. Ich will das gar nicht als Trugschluss nehmen, aber es sind Zeitphasen, in denen Dinge funktionieren. Diese sollte man sehr genießen. Aber wenn man älter ist, weiß man, dass die Dinge vergänglich sind. Das Leben lässt sich nicht vorhersehen, sondern gibt und nimmt.“

SIMOUN: Welche Weisheit können Sie den Leser*innen dieses Blogs noch mitgeben?
FERDINAND: „Sich selber nicht zu erst zu nehmen und Vertrauen zu haben, dass das Leben jeden Tag eine neue Wendung nehmen kann.“
SIMOUN: Jeden Tag eine neue Wendung zu erwarten, muss nicht unbedingt positiv sein.
FERDINAND: „Ich kann es als beängstigend oder freudvoll wahrnehmen. Wenn ich es als beängstigend erlebe, dann wird es wohl auch so sein.
Das Schlimmste ist, das Gute als normativ anzusehen. Es ist eine Errungenschaft, um die man jeden Tag kämpfen muss. Ob es Demokratie ist oder Frieden, man muss täglich darum kämpfen und darf nicht permanent lamentieren und murren.“
SIMOUN: Danke für das Gespräch.

Ich extrahiere nun 5 prägnante Kernthesen aus dem Gespräch mit Ferdinand:
- Perfektion verhindert Beziehung. Wer nach dem „optimalen“ Partner sucht, bleibt im Vergleichsmodus und vermeidet echte Bindung.
- Partnerschaft ist ein Spiegelraum. Man erkennt sich selbst nur in der Reibung, Andersartigkeit und im Kompromiss mit einem Gegenüber.
- Liebe reift vom Ideal zur Alltagstauglichkeit. Mit zunehmendem Alter verschiebt sich der Fokus von Status und Attraktivität hin zu gemeinsamer Lebenspraxis, Humor und Verlässlichkeit.
- Beziehung schützt vor Selbstverhärtung. Alleinsein kann Eigenheiten verstärken; Partnerschaft wirkt als Korrektiv gegen Einseitigkeit und Selbstabsolutierung.
- Glück in Beziehungen ist keine fixe Größe, sondern ein tägliches Gestalten. Das Gute muss bewusst gepflegt und wertgeschätzt werden.
Ich danke dir, dass du bis hierher gelesen hast. Jeden SiMOuNTAG erscheint ein neuer Blog-Artikel:
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