Verarscht

Verarscht


Konsumieren ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben. Und damit wir als Zahnräder für den Geldkreislauf immer gut geölt bleiben, müssen wir eben ein bisschen verarscht werden. Du glaubst, ich übertreibe? Ich beweise dir, dass ich untertreibe. Denn verarscht zu werden, ist ganz normal.


Die Gründe, sich verarscht zu fühlen, sind mannigfaltig. Ich kann hier nur ein paar harmlose Beispiele aufzählen und gehe nicht auf aktuelle Gebühren-Explosionen ein: Die Supermarktkette, die bislang abgelaufene Lebensmittel -50 Prozent abverkauft hat, reduziert Mitte Juli 2025 ohne Vorankündigung von einem auf den anderen Tag nur noch um 30 Prozent. Weder Werbeeinschaltungen, noch der wöchentliche Prospekt informieren Kundschaften über diesen Schritt.

Statt der gewohnten -50 Prozent (links) gibt es nur noch -30 Prozent (rechts). Eine Werbekampagne für diese Innovation gibt es nicht, dabei wäre sie für die Kundschaft durchaus genau so von Interesse, wie all die verlockenden Aktionen, für welche die Marketingabteilung ordentlich die Werbetrommel rührt.

Wenn Kaffeehaus-Gäste selbst kellnern müssen


Ein paar dieser völlig überschätzten, internationalen Kaffee-Ausschank-Ketten benutzen die Kundschaft als Servicepersonal: du musst dich zum Bestellen und zum Zahlen extra in einer Schlange anstellen und beim Abholen des Gebräus ein zweites Mal. Trotzdem kostet das Gesöff um ein Drittel mehr als in einem herkömmlichen Café, das Servierkräfte beschäftigt und zurecht Bedienungszuschlag verrechnet.

Übrigens: Einige Handelsketten erziehen Konsument*innen zurzeit zu ihren eigenen Kassierer*innen. Ich soll ehrenamtlich für diese Konzerne arbeiten und trotzdem den vollen Preis zahlen. Ein bisschen müssen sie uns schon verarschen, um uns zu suggerieren, es sei zu unserem eigenen Vorteil.

Wenn eine Batterie teurer ist als das ganze Gerät inklusive Batterie: Die Leute zu verarschen ist bei der Preisgestaltung ganz normal. Eine tatsächlich beobachtete Szene.

Erziehung zum Konsum-Junkie

Die Praxis des Verarschens beginnt mit der Sozialisierung. Was sind denn so die Skills, die einem Menschen eingebläut werden, damit er zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft werden kann? Still zu sitzen, Befehle zu empfangen und diese auch brav auszuführen.

Der Teufelskreis des Verarschens beginnt mit Sozialisierung zum hörigen Dienstnehmer und willfährigen Konsumenten. Das muss so sein, sonst funktioniert das System nicht. Das gesamte Leben ist von Bestrebungen, ein noch kaufkräftigerer Konsument zu werden, bestimmt. Existenzangst ist eine gute Motivation, sich hier einspannen zu lassen. (Start bei „Erziehung“)
Falls es dich interessiert: hier ein Gedanke zum Urlaub-Konsumieren

Wie sehr wir auch die wenigen arbeitsfreien Wochen in Jahr durch die Brille des Konsumzwangs betrachten, erkenne ich an meiner eigenen Urlaubsplanung. Während ich online nach Urlaubsdestinationen suche, um mich endlich einmal zu erholen, fühle ich mich schon gestresst. Denn arbeitsfreie Zeit bedeutet keineswegs konsumfreie Zeit – ganz im Gegenteil. Da kommt mir die nicht normale Idee, vielleicht einmal etwas wegzulassen. Wie wäre es denn, mich nicht durch physische Abwesenheit zu erholen, sondern durch Unerreichbarkeit – und das Handy zwei Wochen lang abgeschaltet zu lassen? An Donau-Sandstränden liegen, durch Wälder streifen, schwimmen und niemals in Handy dabeihaben? Das wäre einerseits so einfach, aber andererseits ist es so schwierig, weil ich mir mit niemandem etwas ausmachen könnte. Das wäre schon sehr mutig – und erholsam. Vielleicht probiere ich das aus.

Es sind die kapitalistisch und neoliberalistisch geprägten Gesellschaftsstrukturen und ihre wachstumsorientierten Profiteure, an die sich dieser Song richtet:

Ich fühle mich von euch verarscht

Wofür bin ich geschaffen, auf diese Welt gebracht?
Für die schönen Künste, hätt ich einst gedacht.
Doch diese Welt will nicht noch mehr Geschichten,
Sie zieht es vor, mich zu verpflichten
Als Zahnrad für den Geldkreislauf,
Denn ich verdien was, bevor ich kauf.
Bevor sich jemand noch länger ins Fäustchen lügt –
Die Welt braucht dich als Konsumenten – das genügt.

Ich fühle mich von euch verarscht, ich fühle mich von euch verarscht.

Jahrelang bin ich daheim geblieben, hab viele dicke Bücher geschrieben.
Doch der einzige Verlag, der nicht drauf pfeift,
Sondern sich sogar ums Drucken reißt
Ist einer, der ein Geschäft draus schlägt,
Wenn er des Autors Buch verlegt.
Mit den vielen tausend Exemplaren
Kann Autor später zur Müllhalde fahren.

Ich fühle mich von euch verarscht, ich fühle mich von euch verarscht!

Wen wundert’s, wenn nach vielen Jahren
Ich jede Hoffnung lasse fahren
Nach Timbuktu oder sonst wo hin,
Weil ich schön langsam müde bin.
Bin ich nicht für die Kunst geschaffen,
Mach ich mich auch nicht länger zum Affen.
Kein Wunder, wenn auch der Stärkste sich fügt:
Die Welt braucht dich als Konsumenten, das genügt.
Bin ich nicht für die Kunst geschaffen, mach ich mich nicht länger zum Affen. Dann hocke ich mich in einem grauen Hugo Boss-Kostüm in einen – auf 18 Grad Celsius herunterklimatisierten – Bürokomplex und verdiene als PR-Tante endlich so viel, dass ich mir auch einen Tesla kaufen kann. Dann kann ich Leute verarschen.
Ich fühle mich von euch verarscht, ich fühle mich von euch verarscht!

Konsumieren ist wichtiger als Kümmern

Im Umfeld finde ich mehrere Beweise, dass meine Funktion als Konsumentin mehr zählt als Nächstenliebe und soziale Kompetenz. Ich bringe ein weiteres harmloses Beispiel, denn es sind zahlreiche harmlose Mikro-Verarschungen, welche – gehäuft – dafür sorgen, dass der Geldkreislauf flutscht:

Möchte ich als liebende Tochter meinen Vater im Krankenhaus besuchen, um Zeit mit ihm zu verbringen, ihn aufzubauen, dann bleibt mir nichts Anderes übrig, als einen der kostenpflichtigen Parkplätze zu nutzen. Nicht einmal an Wochenenden sind diese Parkplätze gebührenfrei. Übrigens zahlen auch Patient*innen, die im Krankenhaus Hilfe suchen. Möchte ich hingegen in einem Einkaufszentrum mein Geld ausgeben, dann stehen mir kostenlose Parkplätze zur Verfügung.

In Schrankenanlagen und Kartenschlucker wurde kräftig investiert, um Besucher*innen und Patient*innen zu Geldbringern (Konsumierenden) zu machen.


Es ist mir klar, dass Shoppingcenter-Stellplätze von den gewerblichen Mietern der EKZs mitfinanziert werden, während das Krankenhaus aus Besucher*innen keinen Profit generieren kann (außer die selbstverständlichen Steuern und Abgaben). Dennoch schließe ich daraus, dass ich in unserer Gesellschaft in meiner Rolle als Konsumentin willkommener bin als in meiner Rolle als fürsorgliche Verwandte. Kaufkraft rangiert über Kümmern.

Autofahrer*innen brennen für das Parken wie Luster (Lampenschirme mit kerzenähnlichen Leuchtmitteln). Aber vor Konsumtempeln brennen sie nicht.

Sunk Cost Fallacy: Wie man kreative Menschen auspresst


Nicht nur aus den Wehwehchen und Erschöpfungszuständen der Internet-User*innen möchte eine Armee von Online-Hausierern Kapital schlagen, auch vom Drang, Kunst zu schaffen. Davon handelt meine zweite Strophe. Haben sie einmal Wind davon bekommen, dass jemand gerne schreibt, malt oder Musik macht, wie es bei mir der Fall ist, dann spielt mir der Algorithmus eine Unzahl von Inseraten und Videos zu, die suggerieren, sie seien dringend auf der Suche nach neuen Talenten.

In Wahrheit handelt es sich um reine Abzocke, doch sie legen diese Tatsache nicht von Anfang an offen dar.

Sunk Cost Fallacy-Prinzip genutzt: Erst Aufwand betreiben lassen, dann über Kosten informieren

Hat ein Nachwuchsautor oder eine -autorin Aufwand betrieben und diesem „Verlag“ eine Einsendung zukommen lassen (was mit Kosten verbunden ist), dann kommt überraschender Weise eine Preisliste. Allein schon für das Sichten des Manuskripts wird eine Gebühr verrechnet – pro Seite.

Sunk Cost Fallacy

Ein Begriff aus der Psychologie: Man hält an etwas fest, nur weil man bereits investiert hat, obwohl es einem eigentlich schadet beziehungsweise nicht nutzt.

Immerhin kann der kreative Mensch dann entscheiden, ob und wieviele Seiten er von Lektor*innen durchlesen lässt. Vermutlich rechnen diese „Verlage“ damit, die Einsender*innen würden sich aufgrund des getätigten Aufwands dazu breitschlagen lassen.

Kommt im Anschluss die verheißungsvolle Rückmeldung „Gratuliere! Ihr Manuskript eignet sich zur Veröffentlichung“ fühlt sich Autor*in geschmeichelt und das große Geschäft kann beginnen.

„Ich bin Berni und wollte immer schon Schriftsteller werden. Um mehrere tausend Euro ließ ich diese Auflage drucken. Seit sieben Jahren gammeln die Exemplare in meinem Keller dahin. Aber immerhin hab ich die Wirtschaft angekurbelt.“

Aber zum Glück bietet der kooperative „Verlag“ dann noch gegen eine weitere Stange Geld Hilfe bei der Vermarktung an. Übrigens sprach ich mit einer Jurorin einer Literaturgesellschaft, die mir bestätigte, es sei nicht nur ein Makel, sondern ein Abweisungsgrund, je bei so einem Verlag veröffentlicht zu haben.

In letzter Zeit wird mir über Instagram immer wieder ein Werbevideo einer urbanen „Galerie“ zugespielt, das nicht nur ästhetische Aufnahmen dieser Galerieräume präsentiert, sondern auch einen sympathischen Herrn, der sagt: „Hier könnten Ihre Bilder hängen.“ So etwas klingt für Leute, die seit Jahren für die Abstellkammer malen, bestimmt verlockend.

Wer zahlt, hängt. Gut muss die Kunst nicht sein, aber die Künstlerin kaufkräftig. Die Rolle der Konsumentin rangiert also über der Rolle der Kunstschaffenden.

Wer kommt denn überhaupt in so eine Galerie, um einen Blick auf die vermieteten Wände zu werfen? Vermutlich vor allem Freunde, Bekannte und Verwandte der kunstschaffenden Person, welche auch für die Einladungskarten geblecht hat. Und kauft einer von denen ein Bild, kassiert die „Galerie“ dann die Provision?

Übrigens sind auch Menschen, die sich für attraktiv genug halten, Model zu werden, lukrative Kapitalbringer*innen, denn manche „Model-Agenturen“ locken ebenfalls auf diese listige Art. Erst nachdem die willige Person einiges an Bewerbungs-Aufwand betrieben hat, wird sie gewahr, was allein schon so ein Foto-Shooting für die Bewerbungsmappe kostet.

Der Model-Agent zur potentiellen Karteileiche: „Aber natürlich nehmen wir Sie unter Vertrag. Wir bringen Sie ganz groß raus! Aber der Neukundenrabatt läuft nur noch bis übermorgen, also unterschreiben Sie sofort!“


Vielleicht sagst du jetzt, niemand werde gezwungen, sich in den Schlingen zu verfangen, welche kapitalhungrige Organisationen schlau auslegen. Das stimmt. Aber nur zum Teil, denn du darfst die subtile, hinterhältige Vorgangsweise, die uns mit psychologischem Know-How schneller packt, als wir „nein“ schreien können, nicht unterschätzen. Gesehen werden möchten wir alle. Und wir wollen dabei hübsch aussehen und uns gut fühlen. Dieses menschliche Bedürfnis eröffnet dem wachstumsorientierten Kapitalismus unendliche Möglichkeiten, Geld aus uns herauszupressen.

„Betrag dankend erhalten“ heißt es, nachdem der Goldesel ordentlich gespieben hat.

Betrag dankend erhalten.

Jeden Montag um 7 Uhr morgens erscheint ein neuer Blog-Beitrag. Hier findest du die neuesten Song-Geschichten:

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    Als die Bettlade noch das Tor zu einer phantastischen Parallelwelt war und die Astlöcher auf jedem Brett Theater spielten: Phantasien darf nicht untergehen, denn ein bisschen kindliches Kopfkino macht den Boden der Realität nicht nur erträglicher sondern auch ein bisschen schöner.
  • Warum wir heuer keine Klamotten kaufen
    Es soll mir nie wieder jemand damit kommen, Schulabschlussarbeiten seien für’n Hugo. Jene meiner Tochter ist noch nicht einmal ganz fertig und schon hat sie mein Mindset verändert, denn sie hat mir Shopping verleidet – kein KiK, kein Hugo. Machst du mit bei… Warum wir heuer keine Klamotten kaufen weiterlesen
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    Was würdest du wollen, wenn du alles haben oder tun könntest? Ich meine jetzt nicht Wünsche, die die ganze Welt betreffen, sondern nur dich und dein Leben. Fällt dir etwas ein? Gut! Denn es soll Leute geben, die keine Wünsche haben, aber trotzdem chronisch unzufrieden sind.
  • Rückblick zum Jahresbeginn
    Von wunden Herzen über den Wunsch nach Perspektive bis zum weißen Weihnachtswunder: Zum Halbjahresjubiläum dieses Blogs gibt es heute die zweiten drei Monate im Schnelldurchlauf. Das Special zum Jahreswechsel 2025-2026, Volume 2.


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