Wenn Ihr pfeift

Wenn Ihr pfeift


Es gibt nette Menschen, die dir vertrauensselig ins Gesicht lächeln und dir dabei Marionettenschnüre anlegen. Und bevor du das merkst, tanzt du schon nach ihrem Takt. Dabei lassen sie dich aber nicht (nur) ihren Dreck aufwischen, sondern erheben dich zu ihrer Daily Soap-Hauptperson oder ihrem Insta-Model.


Manchmal ist es gar nicht so einfach zu erkennen, ob es sich bei einer Freundschaft um etwas Ehrliches oder doch um ein latentes Dienstleistungsverhältnis handelt.

Vor allem Menschen, die gerne geben und selbstverständlich für andere da sind, sind hochgradig gefährdet, benutzt zu werden. Das geht so weit, dass sich Vorschläge oder Handlungen, die man anfangs für lieb hält, als reine Ausnutzerei entpuppen.

“Ich war keine Freundin für ihn, sondern eine kostenlose Chauffeurin. Ohne Auto war ich wertlos.”

Annemarie K. (38), handelsangestellte

Marionetten berichten:

Annemarie K. (38) erzählt, wie sie in einen unbezahlten Chauffeursjob schlitterte:


“Ich machte Bekanntschaft mit einem Künstler und war glücklich, dass er mich ein oder zweimal die Woche zu Events oder Ausflügen einlud. Darum dachte ich mir anfangs nichts dabei, dass immer nur ich ihn mit meinem PKW abholen und später heimfahren musste. Meine Zeche in Gaststätten oder meinen Eintritt zu Events hatte ich selbst zu zahlen, obwohl es von ihm angebracht gewesen wäre, als Anerkennung für die Chauffeursdienste mal zumindest ein Soda-Zitron zu spendieren. Aber so weit dachte ich noch nicht.

Als ich einmal ein Strafmandat auf der Windschutzscheibe des Autos vorfand, obwohl mein Begleiter als Ortskundiger mich zu diesem Parkplatz gelotst hatte, sagte er nur: „Ups!“. Das Bußgeld für Falschparken zahlte ich.


Weil mein Auto einmal nicht verfügbar war, als er mich erneut zu einem Ausflug „einlud“, schlug ich ihm als Alternative einen Spaziergang vor. Er lehnte ab. So erkannte ich, dass ich mir keinen guten Bekannten, sondern einen unbezahlten Job als Chauffeurin eingehandelt hatte.” (Annemarie K.)

Gerald W. (29) erzählt, wie er als Eifersuchts-Model missbraucht wurde:
“Ein Kollege aus dem Kampfsportverein überredete mich, ab und zu an Wochenenden mit ihm auf ein Getränk zu gehen.

An solchen Abenden knipste er jedes Mal eine Selfie-Serie, in der er mich mit meinem ganzen Gesicht in den Fokus rückte, von sich selbst zeigte er nur eine geheimnisvolle Andeutung. Die Fotoserien stellte er jedesmal auf Instagram und Facebook.

Es war mir unangenehm, dass er mich auf Social Media so in Szene setzte, aber ich sagte nichts und er hatte auch nicht nach meinem Einverständnis gefragt.
Eigentlich wusste ich die ganze Zeit, dass er mich nur missbrauchte, um seinen Exfreund eifersüchtig zu machen, aber ich ließ mich stillschweigend benutzen.

Ich hatte nicht die Eier, mich auf die Beine zu stellen, weil er immer so nett war. Als er einen neuen Freund fand, gab er sich ohnehin nicht mehr mit mir ab, also hatte sich die Sache von selbst erledigt.” (Gerald W.)

Alfred S. (48) berichtet, wie er als Kuppel-Griller angeheuert wurde: “Mein Arbeitskollege schlug mir mehrmals vor, doch endlich wieder eine Grillparty mit meiner „Nachbarschaft“ zu veranstalten, weil er meinen Garten so stimmungsvoll fände. Drei Mal willigte ich ein und tat mir die Arbeit an, Gastgeber zu spielen.

Alfred steht den ganzen Abend am Griller, während der Kollege (l.) mit der – ebenfalls eingeladenen – Nachbarin flirtet. Der Kollege hat nicht einmal eine Flasche Wein mitgebracht. Er hatte nur die Idee, zu grillen, beigesteuert.

Danach wollte der Kollege jedes Mal über die Reaktionen meiner Nachbarin mit mir reflektieren und kritisierte mich gleichzeitig, dass ich über Tischgespräche zu wenig Bescheid wüsste, weil ich nur am Griller gestanden war.

Ich ahnte zwar, dass er mich nur benutzte, um an meine Nachbarin ranzukommen, doch einige Zeit ließ ich ihn gewähren.” (Alfred S.)


Für alle Leute, die sich nicht mehr benutzen lassen wollen, schrieb ich folgenden Song:

Wenn Ihr pfeift – der Song

Das Fass ist übergeschwappt
Marionette hat die Seile gekappt
Die Falle, in die sie tappt,
Ist doch nicht zugeschnappt.
Die gute Seele springt nicht mehr, sie springt nicht
Wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift
Die gute Seele springt nicht mehr, sie springt nicht
Wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift
Püppchen hat das Tanzen gestoppt,
Eigener Wille ist aufgepoppt
Der Choreograph ist gefeuert,
Sie lebt nicht fremdgesteuert.
Die gute Seele springt nicht mehr, sie springt nicht
Wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift
Die gute Seele springt nicht mehr, sie springt nicht
Wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift
Püppchen tanzt nicht nach eurem Takt,
Bereitschaftsdienst hat sie abgefuckt.
Den Stier bei den Hörnern gepackt
Marionettenschnüre abgehackt.

Die gute Seele springt nicht mehr, sie springt nicht
Wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift
Die gute Seele springt nicht mehr, sie springt nicht
Wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift

Beispiele, wie jemand Marionetten tanzen lassen will:


Wenn Marionette die Schnüre kappt


Wie eingangs erwähnt, ist es manchmal nicht so einfach zu diagnostizieren, ob es sich um wahre Freundschaft oder um Ausnutzerei handelt.

Wenn das Bauchgefühl schon länger Alarm schlägt, dann genügt ein kleiner Auslöser – ein unbedachter Satz, eine abfällige Bemerkung – und man schafft es nicht mehr, den Kontakt weiter zu pflegen. Das ist für Ausnutzende schlimm, weil ihnen eine Stütze wegbricht.

Martin R. berichtet, wie sich die “Seelsorgerin” als gierige Daily Soap-Konsumentin entpuppte:
“Einmal hatte ich schrecklichen Liebeskummer und weil mich eine Nachbarin im Stiegenhaus “Grüß Gott, wie geht’s?” sagte, schüttete ich ihr mein Herz aus. Sie gab mir Tipps, was ich ihr hoch anrechnete.

Fortan passte sie mich immer öfter an der Treppe ab um zu fragen, was es Neues gäbe. Anfangs tat es gut zu reden, aber sie schien süchtig nach meinen Problemen zu werden.

Da sie häufig über andere Menschen aus ihrem Umfeld lästerte (natürlich “ganz im Vertrauen“) nahm ich an, sie würde das selbe über mich tun. Die einfühlsame Frau entpuppte sich also als Klatschbase, die sich voyeuristisch vom Privatleben anderer nährte – sozusagen als reale Soap Opera.
Als ich die endlosen Stiegenhaus-Gespräche reduzierte, warf sie mir vor, ich ginge ihr aus dem Weg und sei undankbar, weil sie „es ja nur gut meine“.
(Martin R.)


Amanda B. (27) erklärt, warum sie ein kostenloses, unverbindliches Stundenhotel eröffnete:
“Ein selbstständiger Baumeister suggerierte mir, er wolle eine Art Beziehung mit mir führen, aber er ging nie mit mir aus, sondern wollte immer nur zu mir nach Hause kommen. Obwohl – „immer” ist zu viel gesagt, denn wenn ich etwas vorschlug, ging es nie und selbst wenn er ankündigte, er würde mich besuchen, dann kam zu 80 Prozent etwas dazwischen.

Die Treffen bahnte er nicht etwa durch freundliche Telefonate an, sondern durch kryptische Ein-Wort-WhatsApp-Nachrichten wie: „heute?“. Monate nachdem ich aufgehört hatte, auf ihn zu reagieren, kam die Nachricht: „Ich finde es schade, dass du den Kontakt abgebrochen hast, wir haben uns doch so gut verstanden.” Und er versuchte, mich durch Vorwürfe via WhatsApp zu einem neuerlichen Treffen zu drängen.“ (Amanda B.)

Solche Ausnutzer, vor denen man sich hüten muss, haben doch eine eigene Hymne verdient:

Und ich?

Ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Aber mir fällt auch etwas ein, denn mit einem ehemaligen Arbeitskollegen war es immer dasselbe:

Wir hatten ausgemacht, gemeinsam zu einem beruflichen Termin zu fahren und wollten uns um 10 Uhr bei seinem Stellplatz im Parkhaus treffen. Um 9:40 Uhr, als ich mich gerade auf den Weg machen wollte, rief er mich am Handy an und sagte: „Ich warte schon beim Auto.“ Ich entgegnete: „Aber wir hatten 10 Uhr ausgemacht, ich werde pünktlich da sein.“ Er antwortete: „Aber ich warte jetzt schon!“

Also legte ich einen Zahn zu und rannte gehetzt durch die Stadt. Als ich atemlos, gestresst und grantig im Parkhaus ankam und mein Blick auf ein inspirierendes Graffito fiel, fragte ich mich selbst: „Warum springe ich eigentlich, wenn er pfeift?“

Es gibt Leute, die zwar liebenswert und höflich sind, aber stets dafür sorgen, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt. Es geht ja hier nicht um jene, die offen und ehrlich um Hilfe oder einen Gefallen bitten, sondern um Leute, die andere auf subtile Art benutzen und stressen. Das sind die Gefährlichen.

Ich pfeife nicht, aber ich stelle jeden Montag um 7 Uhr morgens einen Blog-Beitrag online. Du brauchst nicht zu springen, aber ich freue mich schon, wenn du reinschaust:

  • Die gute und die schlechte Abhängigkeit
    Der Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde?
  • Positives Festkleben
    Die Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.
  • Voll gefoggt
    Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
  • ‘Sie ist ja selber schuld’
    Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
  • “Ich war zu wählerisch”
    Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.

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