Voll gefoggt

Voll gefoggt


Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.

Wenn das lang angestrebte Gespräch mit dem Chef, das eigentlich eine Gehaltserhöhung (oder, wie man heute so schön sagt: Gehaltsanpassung) erwirken sollte, zu nichts führt, dann kann das so ablaufen:

Der Chef kommt auf Stippvisite in die Filiale. Der angestellte Abteilungsleiter will mit ihm wegen einer Anpassung des Gehalts an das Mehr an Verantwortung und Aufwand sprechen.

Angestellter: „Ich habe ja jetzt mehr Aufgaben übernommen, seit mein Kollege in Pension ist und ich alleine in der Abteilung sitze. Und da habe ich mir gedacht, jetzt wäre es doch an der Zeit …“

Chef: „Die KI erleichtert Eure Arbeit jetzt schon um einiges, oder? Wieviel Zeit spart Ihr Euch täglich durch die KI?“

Angestellter: „Wieso ‚eure Arbeit‘? Ich bin ja jetzt Abteilungsleiter und zugleich der einzige in meiner Abteilung, also eigentlich Führungskraft.“

Chef: „Hat Sie denn keiner gefragt, ob Sie eine Leitungsfunktion übernehmen wollen?“

Angestellter: „Äh … gefragt? Ich denke, es hat sich einfach daraus ergeben, weil der Kollege in Pension …”


Chef: „Also hat keiner gefragt. Die haben das einfach verabsäumt. Also frage ich Sie jetzt: Wollen Sie die Leitung der Abteilung übernehmen?“

Angestellter: „Äääh, das klingt wie ein Heiratsantrag. Aber mir geht es um die Bezahlung.“

Chef: „Also, dass da niemand offiziell gefragt hat, ob Sie die Leitung wirklich übernehmen wollen! Die muss ich mir mal zur Brust nehmen. So ein Versäumnis.“

Und schon erhebt sich der Chef, weil er ja auch noch andere Standorte im Griff behalten muss, reicht dem Angestellten gönnerhaft die Hand und dankt für den Einsatz.

Der Angestellte bleibt irritiert und ohne Gehaltsanpassung zurück.

Wenn das Gespräch so abläuft, dann hat der Boss höchstwahrscheinlich die Technik des Foggings in irgendeinem Führungskräfte-Seminar gelernt.

Ein anderes Beispiel

Wenn man sich gerne ein Guthaben auszahlen lassen würde, weil der Geschäftspartner seit Jahren seinen Part nicht erfüllt, dann kann das Gespräch so ablaufen:

Eine Frau möchte mit einem Immobilienunternehmer wegen der angezahlten Wohnung sprechen.

A: „Ich warte nun seit elf Jahren vergeblich auf die Wohnung, die ich angezahlt habe und ich frage mich, wie alt ich denn noch werden muss, bis ich einziehen kann.“

B: „Das wird schon, nur Geduld! Dafür wird sie dann umso schöner!“

A: „Ich möchte aber nicht noch länger warten, ich pumpe jeden Monat hunderte Euro in die Miete. Darum möchte ich meine Anzahlung jetzt ausbezahlt bekommen.“

B: „Sie haben also einen Engpass? Aber dann suchen Sie doch einen wohlhabenden Mann zum Heiraten! Also – ich würde Sie heiraten!“

A ist völlig perplex und irritiert und stößt daher nur hervor: „Aber sind Sie denn nicht schon verheiratet?“

B: „Für Sie würde ich mich sofort scheiden lassen.“

A ist sprachlos.

B erhebt sich und fügt im Gehen hinzu: „So warten Sie doch auf die Wohnung, Sie werden es nicht bereuen.“

Offenbar hat auch B diese listige Verhandlungstechnik irgendwo gezielt erlernt.


So läuft Fogging ab


Man kommt mit einem konkreten Anliegen zu einem Gespräch, redet aber gegen eine Nebelwand, weil das Gegenüber das Ansinnen bewusst übergeht, absichtlich missversteht und von etwas ganz Anderem zu reden beginnt, um zu verwirren und das Thema zu vernebeln.

Der Fogger setzt seinen rhetorischen Wolken-Zauberstab gezielt ein und vernebelt das Gesprächsthema.


Kürzlich führte ich genau darüber ein Interview mit einem Psychiater, der mir bestätigte, diese ablenkende Verhandlungstechnik werde Führungskräften in einschlägigen Seminaren beigebracht und nenne sich „Fogging“ (also Vernebeln von Themen).


Das andere Fogging

Gibt man den Begriff „Fogging“ in die Suchmaschine ein, dann finden sich im Internet ausschließlich Berichte über schwarze, schmierige Beläge in Innenräumen, die durch Schwebestaubpartikel in Verbindung mit Ausdünstungen aus weichmacherhaltigen Bauteilen – vor allem während der Heizperiode – entstehen.


Diese Ablagerungen sind sicher auch unangenehm und hartnäckig. Über die rhetorische Führungskräfte-Technik äußert sich das Internet nicht so ausgiebig. Kein Wunder, soll sie doch nicht jede(r) durchschauen.


Es ist wie Zauberei


Damit verhält es sich ähnlich wie mit Zauberkunststücken, die auch nicht jede(r) durchblicken soll. Und doch ist es Fakt, dass auch in der Zauberkunst mit dem psychologischen Trick der Ablenkung gearbeitet wird.

So lenkt der Zauberer die Aufmerksamkeit auf den orangefarbenen Ball in seiner rechten Hand, die er demonstrativ hochhält, versteckt mit der Linken aber etwas in seiner Gesäßtasche – oder er holt damit etwas Neues hervor. Und alle staunen, denn die linke Hand hat niemand beachtet.


Die menschliche Wahrnehmung funktioniert eben so, dass man sich nur auf ein Objekt oder Thema pro Zeitpunkt fokussieren kann.


Auch Gespräche und (Gehalts-)Verhandlungen sind mit Zauberei vergleichbar, wenn sich das Gegenüber des Tricks des Foggings bedient. Es ist sehr schwierig, wenn nicht beinahe unmöglich, in dem Nebel nicht den roten Faden zu verlieren.


Die Arten des Foggings


Meiner Beobachtung nach gibt es ein paar Arten des Foggings, obwohl ich vermutlich noch nicht alle kenne:

Absichtlich missverstehen:


Das Hauptthema einfach absichtlich misszuverstehen und das Gespräch in eine Nebenschiene abgleiten zu lassen, wie etwa beim Beispiel „Gehaltsverhandlung“. Vom Ansinnen des Angestellten, ein angemessenes Gehalt für erweiterte Aufgabenbereiche zu erwirken, nutzt der Chef die Ego-Masche und glaubt, billig davonzukommen, wenn er vorgibt, es so verstanden zu haben, dass der Angestellte einfach nur offiziell gefragt werden wollen hätte.

Voller Sieg: Mit Fogging zum Verhandlungserfolg.

Völlig irritieren:

Das Hauptthema mit einer Irritation abwürgen, die dem Gegenüber die Schamröte ins Gesicht treibt. Beim Beispiel „Eigentumswohnung“ ging es eigentlich nur um Geld, aber der Verhandler wird persönlich und demütigt die Gesprächspartnerin erst einmal wegen ihrer finanziellen Lage. Sogleich brüskiert er sie mit dem untergriffigen Tipp, eine opportunistische Ehe einzugehen, sodass für ihn eine kurze Verschnaufpause entsteht, in welcher der Verhandlungspartnerin völlig irritiert der Atem stockt.

Damit sie das Thema nicht gleich wieder aufgreift, zieht er mit einer Steigerung nach. Demnach würde er sich als rettender Ehepartner zur Verfügung stellen und dafür sogar seine Ehe aufgeben.

Die Gesprächspartnerin weiß natürlich die ganze Zeit über, dass es sich um Koketterie und Humbug handelt, ist aber derartig beschämt und über den Gesprächsverlauf geschockt, dass sie ihr Anliegen nicht mehr aufgreift. Also hat A wertvolle Zeit gewonnen, denn Zeit ist Geld.

Erst mauern und dann eine Hilfskraft vorschieben:

Was in größeren Unternehmen Usus ist: Die Verantwortlichen mauern, sind nicht erreichbar oder schieben die Verantwortung so lange im Kreis herum, bis ein armer Lakai aus der Personalverwaltung dazu genötigt wird, den Angestellten anzurufen, um ihm zu verkünden: „Das ist in unserem Unternehmen eben das festgesetzte Gehalt für 40 Stunden, egal, was für Aufgaben du innehast. Basta.“

Nun ja, wohin soll sich der Angestellte dann noch wenden, wenn eh niemand zuständig ist? Außerdem ist ihm nach der kafkaesken Odyssee irgendwann sowieso die Kraft ausgegangen.


Wurdest du schon gefoggt?


In allen Fällen gehen die Fogger als Sieger aus der „Verhandlung” hervor.

Zerplatzt ist der Traum vom Verhandlungserfolg.

Nun denk einmal scharf nach. Warst du schon einmal mit Fogging konfrontiert? Und ich meine damit nicht die schmierigen, schwarzen Ablagerungen in der Wohnung. Geschäftspartner, Vorgesetzte, vielleicht auch Ansprechpartner bei Reklamationen (Falls man überhaupt noch menschliche Ansprechpartner erwischt und nicht in einem KI-Chat landet).


Wenn Verhandlungspartner zu Feinden werden


Ich selbst habe über rhetorisches „Fogging“ nie etwas in der Theorie gelernt, sondern wurde in der Praxis des Lebens öfter damit konfrontiert, bis ich da ein wiederkehrendes Muster geortet habe, dem ich auf den Grund gehen wollte.

Ich wollte es also aus der erlebten Praxis in die Theorie überführen, weil es wichtig ist, die Strategien seiner Feinde zu kennen.
Das Wissen um diesen niederträchtigen Kunstgriff ist der erste Schritt, um Gegenstrategien zu erlernen. Möge die Übung gelingen.


Es ist doch nicht normal, was alles so abgeht in der Welt der Kommunikation, oder? Jedenfalls freue ich mich, dass du bis zum Ende gelesen hast. Jeden SiMOuNTAG erscheint ein neuer Blog-Artikel:

  • Positives Festkleben
    Die Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.
  • Voll gefoggt
    Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
  • ‘Sie ist ja selber schuld’
    Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
  • “Ich war zu wählerisch”
    Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.
  • “Er ist mein Anker”
    Für das Special rund um den Valentinstag befrage ich ein junges Paar, das schon ziemlich lange zusammen ist, nach dem Geheimnis seines Erfolgs. Die beiden erklären, warum sie Gemeinsamkeit dem wilden Single-Leben vorziehen und warum man Freundschaft und Partnerschaft nicht trennen sollte.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *