Konjunktiv

Konjunktiv


Wenn der Konjunktiv zum grammatischen Gehilfen des Raunzens verkommt, dann bringt das nichts. Es wäre schade, ihn nur zum Lamentieren über Verpasstes zu nutzen, denn die Möglichkeitsform bietet ganz schön viel kreatives Potential. Sprache erschafft Wirklichkeit, darum sollten wir aufpassen, was wir reden.


Wie versprochen, möchte ich in diesem Blog das Leben über unsere Sprache betrachten und somit unsere Lebenseinstellungen demaskieren. Der Konjunktiv II ist ein überdurchschnittlich häufig genutztes Tool, um Möglichkeiten, Wünsche, aber auch Unmögliches auszudrücken. Was sagt mehr über die Einstellung eines Menschen aus, als seine Wünsche?

Häufig nutzen wir den Konjunktiv, um Pläne zu schmieden, die durchaus umgesetzt werden und somit zur Realität werden können. Das ist die optimale Nutzung des Konjunktivs, weil aus Sprache ein Werkzeug wird, um Realität zu schaffen. Zum Beispiel als ich sagte: „Ich könnte ja einen Blog machen.“ Mit diesem Konjunktiv-Satz sprach ich eine Möglichkeit aus, die mittlerweile zur Realität geworden ist und habe einmal mehr bewiesen: Sprache konstituiert Wirklichkeit.

Hier erfährst du mehr zum Konjunktiv 2

Der Konjunktiv II ist eine Verbform im Deutschen, die vor allem verwendet wird, um Wünsche, irreale Vorstellungen, höfliche Bitten oder hypothetische Situationen auszudrücken. Er spielt eine wichtige Rolle, wenn man über etwas spricht, das nicht der Realität entspricht oder nur gedacht ist. Gebildet wird der Konjunktiv II bei schwachen Verben in der Regel durch die Präteritumform, während starke Verben zusätzlich einen Umlaut erhalten. So wird zum Beispiel aus „kann“ ein „könnte“ (wie ich es im Lied besinge), aus „haben“ die Form „hätte“ und aus „sein“ die Form „wäre“. Ein typischer Satz, der einen Wunsch ausdrückt, wäre: „Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit.“ Auch höfliche Bitten lassen sich mit dem Konjunktiv II formulieren, etwa: „Könntest du mir bitte helfen?“ In irrealen Bedingungssätzen wird er ebenfalls genutzt, wie in: „Wenn ich reich wäre, würde ich um die Welt reisen.“ Weil manche Konjunktivformen heute ungebräuchlich oder schwer verständlich sind, wird oft die periphrastische Variante mit „würde“ plus Infinitiv verwendet – zum Beispiel: „Ich würde kommen“ anstelle von „Ich käme“. Diese Form wird immer gebräuchlicher, wie ich mit meiner Bachelorarbeit über den Konjunktiv II beweisen durfte.

Aber meistens nutzen wir den Konjunktiv nicht konstruktiv, sondern mokieren uns über Erlebnisse, die wir uns lieber erspart hätten. „Wäre ich doch zuhause geblieben, dann wäre ich nicht mit dem Rad in den Straßengraben gefahren.“ „Hättest du doch nicht die ganze Tafel Schokolade aufgegessen, dann wäre dir jetzt nicht schlecht.“

Anstatt das schöpferische Potential des Konjunktivs zu nutzen, lassen wir ihn am häufigsten zu einem Werkzeug verkommen, unser Bedauern auszudrücken. Und das bringt überhaupt nichts, wenn die Gelegenheiten verpasst sind. Während ein junger Mensch darüber nachdenkt, was er alles werden könnte, denkt ein Erwachsener Jahrzehnte lang darüber nach, was er nicht alles hätte werden können. So auch ich:

Was hätt ich nicht alles werden können? Zum Beispiel eine von diesen Laufsteg-Schönen! Wenn ich doch nur zaundürr gewesen wäre und zudem den Wunsch zu modeln gehabt hätte.

Konjunktiv – der Song

Was hätt ich nicht alles werden können?
Eine von diesen Laufsteg-Schönen,
Oder Ärztin, die 60 bis 100
Stunden schuftet, und sich nicht wundert,
Wenn jeder sie auf Wehwehchen anspricht.
Oder eine, die Rekorde bricht
Im Hürdenlauf oder im Sprung von den Klippen
Oder zumindest Superschnelltippen.
Das wäre schon was gewesen! Klippenspringerin, die Höhenrekorde bricht, hätte ich werden können, wenn ich je auf die Idee gekommen wäre, die Höhe nicht gescheut hätte und passende Klippen gefunden hätte. Aber diese Chance ist vertan. Aus diesem „könnte“ wird kein „kann“ mehr.
Doch immer ist es der Konjunktiv! 
Der Konjunktiv, der Konjunktiv!
Der Konjunktiv, der Träume zerstört
und ein „könnte“ verlangt, wo ein „kann“ hingehört.


Was hätt ich nicht alles Großes erreicht!
Als Zahnärztin hätte ich Zähne gebleicht.
Hätt ich Kosmetik angestrebt,
Hätt ich schon zig-tausend Wimpern verklebt.
Als Ornithologin könnt ich im Schilf lauern,
Als Managerin im Bürostuhl versauern.
Als Pädagogin könnt ich fremde Kinder hüten,
Als Architektin über Plänen brüten.
Ornithologin könnte ich heute sein und im Schilf könnte ich lauern! Doch eigentlich wären die Naturwissenschaften nix für mich. Ich war in der Schule in Biologie nicht gut. Ich hätte halt mehr lernen sollen. Also wird auch aus diesem „könnte“ kein „kann“ mehr.
Doch immer ist es der Konjunktiv! 
Der Konjunktiv, der Konjunktiv!
Der Konjunktiv, der Träume zerstört
und ein „könnte“ verlangt, wo ein „kann“ hingehört.
Als Werbefuzzi könnte ich euch das Gefühl geben,
Wie sehr euch unnötiges Klumpert fehlt im Leben.
Im Projektmanagement mir den Popsch aufwetzen,
Um fremde Ideen umzusetzen.
Im Personalleasing könnt ich drum raufen,
Lebenszeit von Menschen zu verkaufen.
Im Lektorat könnt ich Romane zerlegen,
Als Influenzerin die Hater aufregen.

Im Lektorat könnte ich Romane zerlegen. Literaturwissenschaften sind durchaus meines, also könnte ich aus diesem „könnte“ noch ein „kann“ machen, wenn ich wollte.

Doch immer ist es der Konjunktiv! 
Der Konjunktiv, der Konjunktiv!
Der Konjunktiv, der Träume zerstört
Der Konjunktiv, der Konjunktiv!
Der Konjunktiv, der Träume zerstört.

Der Konjunktiv, der Konjunktiv!
Der Konjunktiv, der Träume zerstört,
und ein "könnte" verlangt, wo ein "kann" hingehört.

Verpasste Gelegenheiten versus vielversprechende Möglichkeiten


Dieser Song ist also ein Paradebeispiel, wie jemand (in diesem Fall ich) ausgiebig über versäumte Gelegenheiten raunzt. Obwohl – so groß ist das Bedauern nicht, denn ich habe niemals mit dem Gedanken gespielt, eine Laufsteg-Schöne, Ärztin oder Ornithologin zu werden.

Ärztin hätte ich werden können. Heute kann ich diesen Gedanken nur in einer rückblickenden Konjunktiv-Blase betrachten.


Dennoch wäre alles unter Umständen möglich gewesen. Also handelt es sich bei diesem Song auch um einen dankbaren Rückblick auf die Jugendzeit, in der mir grundsätzlich alle Möglichkeiten offen standen.
Dieses Privileg ist nicht selbstverständlich.

Die Konjunktiv-Phrase „hätte ich können“ ist wie ein zerstörerischer Pfeil, der heute nur noch zeigen kann, wie frühere Chancen zerplatzen. Aber das macht nichts. Ärztin hätte ich sowieso nie werden wollen.


Obwohl es möglich ist, mehrere Berufe zu erlernen, ist es unmöglich, in einem Leben all die besungenen Professionen zu erlangen. Das Leben erfordert also Entscheidungen. Selbst wenn die getroffenen Entscheidungen gut und richtig sind, so können sie mit einem Bedauern ob der alternativen, nicht gewählten Wege einhergehen. Der Konjunktiv II hilft uns, diese verpassten Möglichkeiten durchzuspielen und eventuell zu erkennen, warum diese eh nicht für uns gepasst hätten.

Der Konjunktiv kann ein Tor zu neuen Ideen und zu einer neuen Wirklichkeit werden, wenn wir das „hätte werden können“ zu den Akten legen und zum „könnte etwas Neues machen“ übergehen.


Es ist nie zu spät, sich neue Konjunktive zurechtzulegen – nicht die Unmöglichkeitsform der verstrichenen Gelegenheiten, sondern die konstruktive Möglichkeitsform, die aus einem „könnte“ ein „kann“ macht.

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