Red Flags

Red Flags

Wer wacker durch ein Spalier von red flags schreitet, kann sich glücklich schätzen, wenn ihn die Enttäuschung möglichst bald am Weg abfängt und davon abhält, unnötig weit zu gehen. Denn Täuschung oder Masochismus sind keine guten Wegbegleiter. Also heißen wir lieber die ENT-Täuschung willkommen.


Es ist schon etwas Lobenswertes, an das Gute im Menschen zu glauben, aber die Leute vorbehaltlos mit Pfeilen des guten Glaubens zu beschießen, kann schmerzhaft nach hinten losgehen, denn manche können gar nicht anders, als uns vom Gegenteil zu überzeugen – vielleicht, weil sie Charaktersäue sind, oder weil sie vor Herzenswärme sprühen, wie eisgekühlte Blutkonservensäcke. 

Vor allem, wenn die sogenannten red flags eh schon um das Antlitz des Gegenübers herumflattern wie verrückt, aber man immer noch geflissentlich über jede Charaktersauerei hinwegsieht, weil man am Glauben an das Gute festhalten will.

Klicke hier, wenn du wissen willst, was red flags sind.

Unter Jugendlichen ist der Begriff red flags verbreitet, Ältere kennen das Phänomen eher als „rotes Tuch“. Es handelt sich um Warnzeichen in Form von Verhaltensweisen oder Aussagen, die auf unangenehme Charakterzüge hindeuten. Beispiele: Du sitzt mit jemandem im Café und er oder sie wird jähzornig, weil der Kellner nicht sofort auf das Winken reagiert. Oder eine Frau schimpft über ihren Ex, weil dieser ihr zum Geburtstag bloß einen Blumenstock geschenkt hat. Oder ein Mann glotzt dauernd anderen Frauen nach und kommentiert deren Gesäße.

Eine Spezies schwenkt meist besonders plakativ mit red flags – es sei denn, ein Vertreter ist gerissen genug, sie eine zeitlang zu verbergen:

Red flags – der Song

An einem heißen Hundstag im August
Warf mir der jahrelange Frust
Ein süßes Bild auf den Palast aus Glas,
Bis ich die alten red Flags vergaß.

Das muss ich näher erklären: In einer trostlosen Umgebung zwischen Stahl-Glasbauten erinnerte sich Marianne völlig verblendet an eine Jugendliebe, die sie in die Wüste gescheucht hatte. Reue kroch in ihr hoch.

Als Ikone von guete und saelde*
Kehrtest du zurück in Bälde –
Leibhaftig und wie ein schöner Gruß –
Als zweite Chance, die man nutzen muss.
*guete und saelde ist Mittelhochdeutsch und bedeutet …

… Güte und Glückseligkeit bzw. Gnade; saelde ist eine Mischung aus irdischer Glückseligkeit und himmlischer Gnade, also das non plus ultra.

Marianne malte in Gedanken eine verklärte Ikone von ihrer Jugendliebe Manfredo und richtete in ihrem Kopf einen Altar her. Sie sah allerdings nur die Ikone, die rosa Rosen und die Kerzen, nicht aber die red flags. Als sie Manfredo tatsächlich wieder begegnete, hätte sie eigentlich sofort ernüchtert sein müssen, doch sie beschloss, vorerst an ihrem guten Glauben festzuhalten. Erst später gestand sie sich ein:
Mein junges Ich hat Recht gehabt –
Red flags, rotes Tuch!
Meine Entscheidungen sind Segen –
Red Flags –
Und nicht Fluch!
Weil ich die Ikone zu schön malte,
Ließ ich zu, dass sie so sehr strahlte.
Also wehten die Red Flags unentdeckt,
Dabei hast du sie keineswegs versteckt.

Manfredo schwenkte ab dem ersten Wiedersehen kräftig mit seinen red flags, indem er sich ständig nervös umblickte, ob er eh nicht mit ihr gesehen werde – wie ein Lemming in der Ebene nach Raubvögeln schielt. Also hätte sie eigentlich gleich wissen können:

Mein junges Ich hat Recht gehabt –
Red flags, rotes Tuch!
Meine Entscheidungen sind Segen –
Red Flags –
Und nicht Fluch!
Dem jungen Ich hatte ich nicht vertraut,
Total verblendet zurückgeschaut.
Ich machte meine Entscheidung schlecht,
Dabei wirst du dem Bild nicht gerecht.

Mariannes idealisierte Manfredo-Ikone zerfiel im Laufe der Zeit nach und nach zu Staub, die Rosen verblassten, die Kerzen erloschen. Und plötzlich konnte sie die red flags deutlich sehen.

Zwar schlimm, wenn so ein Bild zu Staub zerfällt,
Doch ist alles, was jetzt zählt:
Zu wissen: ich brauch mir nichts vergeben,
Läuft schon in richtigen Bahnen – das Leben.

Endlich konnte Marianne mit Überzeugung sagen:

Mein junges Ich hat Recht gehabt –
Red flags, rotes Tuch!
Meine Entscheidungen sind Segen –
Red Flags –
Und nicht Fluch!

Übersehene Red Flags

  • Beim ersten Treffen mit Marianne schaute Manfredo nicht in ihr Gesicht, sondern blickte nervös an ihr vorbei in die Ferne, ob sie nicht von jemand Bekanntem gemeinsam gesehen werden.
  • Zu Weihnachten besuchte er sie zwar, wie ausgemacht, brachte aber nichts mit und ließ sie nach einer halben Stunde sitzen, weil irgendjemand Wichtigerer dauernd anrief und Nachrichten schrieb.
  • Das Geschenk, das Marianne ihm unter großem Aufwand selbst gemacht hatte, wurde von Manfredo kaum beachtet und in der untersten Schublade seiner Kommode beerdigt.
  • Es wurde bald offensichtlich, dass Manfredo von Mariannes Kontakten profitieren wollte. Als er merkte, dass ihr Netzwerk ihn seinen Zielen nicht näher brachte, zog er sich mehr und mehr zurück.
  • Manfredo ghostete Marianne immer wieder und machte deutlich, wie wenig er ihre Arbeit und ihre Zeit respektierte.
  • Viele weitere red flags folgten. Aber Marianne hatte so eine gute Meinung von Manfredo generiert, dass sie ihm das alles nachsah. Zumindest eine Zeit.

Red flags ignoriert – was jetzt?

Nun, dann wird wohl früher oder später ein Phänomen erscheinen, das zwangsläufig eintritt, wenn man stur durch ein Spalier von red flags marschiert: Enttäuschung.

Je früher das Ende der Täuschung eintritt, desto besser, denn nicht immer ist es gesund, am Glauben an das Gute in einem Menschen festzuhalten.

Nur – ganz so einfach ist es leider nicht. Denn manchmal ist es nicht der Glaube an das Gute, der einen Menschen bewegt, an jemandem festzuhalten, der ihn wie Dreck behandelt, sondern er sieht die red flags als Challenge, sich dem Kampf um Zuneigung trotzdem zu stellen, weil er glaubt, es ohnehin nicht anders verdient zu haben.

Zum Beispiel ist es ein besonders harter Kampf, gegen die Null-Emotion „Gleichgültigkeit“ zu rittern. Ist Gleichgültigkeit denn nicht die Kardinal-red flag? Aber manche Menschen lassen sich sogar darauf ein:

Nach all den Warnungen vor Charaktersäuen oder gleichgültigen Personen möchte ich schon noch darauf hinweisen, dass es auch jene gibt, die wirklich gut (kalos) und schön (agathos) sind.

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