Erst vorigen Simountag verlieh ich meinem Durst nach kindlicher Phantasie Ausdruck. Schon am Freitag drauf bekam ich tatsächlich Geschichten aufgetischt, die nicht normal sind. Märchen, die ich nicht in vollen Zügen genieße, aber in vollen Bussen.
Ab und zu, wenn ich den Bus nachhause nehme, dann treffe ich einen wunderlichen Mann. Er sieht ganz normal aus, scheint es aber nicht zu sein, womit er hervorragend zum Motto dieses Blogs passt: Das ist nicht normal.
Vorigen Freitag, als ich an der Bushaltestelle stand, mengte er sich wieder einmal unter die Wartenden. Weil wir uns häufig auf dieser Buslinie begegnet waren und dann und wann ein paar bedeutungslose Worte gewechselt hatten, erwählte er mich für einen Haltestellen-Smalltalk.

Freimütig erzählte der Mann, er sei eben erst auf Hawaii gewesen. „Hawaii?“, fragte ich, „aber du bist gar nicht braun geworden.“ „Das ist so bei mir“, gab er zurück, „wenn ich in der Sonne bin, werde ich weißer und ohne Sonne dunkler.“
Der Mann klärte sogleich auf, um welche Art Reise es sich handelte: Er habe sich eine Kokosnuss gekauft, ihre Milch getrunken und das Fruchtfleisch gegessen. „Wenn ich das mache, dann bin ich so gut wie auf Hawaii, schließlich ist die Kokosnuss doch ein kleines Stück Hawaii.“

Ich schmunzelte. Indes kam der Bus und alle, die gewartet hatten, stiegen ein. Während ich mich auf einen Platz setzte, erinnerte ich mich an meine Geschichte vom geheimen Zwergenland in der Bettlade und wie sehr ich als Erwachsene Phantasiegeschichten wie diese vermisste:
Dieser Mann schien noch ab und zu in Phantásien zu leben, wobei ich nicht wusste, ob er jeden Bezug zur Realität verloren hatte oder ob er die Leute nur ein bisschen verarschen wollte.
Im Bus setzte er sich mir gegenüber und hob sogleich an, die nächste Phantasiegeschichte zu erzählen, als ob es sich um Fakten handelte.
„An der Haltestelle an der Pfarrkirche, da bleibt kein Bus mehr stehen“, berichtete er mir, „aber im Winter, wenn es überall kalt ist, hat es dort 30 Grad.“
„Plus?“, fragte ich.

„Ja natürlich Plusgrade. An dieser Haltestelle versammeln sich Tag und Nacht unzählige Leute – aber nicht, um auf den Bus zu warten, sondern um sich zu wärmen.“
Der Bericht war zu absurd und der Erzähler schien zu harmlos verrückt, als dass ich Fragen stellen oder Gegenargumente liefern hätte wollen. Zur Belohnung sollte ich noch mehr Märchen aufgetischt bekommen. Und nicht nur ich, denn auch die anderen Mitfahrenden kamen zwangsläufig in den Genuss dieser Erzählungen.
„Im Sommer, wenn es überall 30 Grad hat, bleibt es an der Pfarrkirchenhaltestelle angenehm kühl“, berichtete er weiter, „dann kommen die Leute an diesen Ort, um sich abzukühlen.“

Ich nickte und schmunzelte, eine ältere Frau, die mit vollen Einkaufstaschen auf dem Sitz hinter dem Buschauffeur saß, schüttelte den Kopf. Der Mann fühlte sich offenbar bestärkt, weil ich ihm keine offene Ablehnung entgegenbrachte und ließ mir, sowie dem Rest der Mitfahrenden, noch mehr Informationen über unsere Stadt zukommen.
Auch die Haltestelle an einer kleinen Kapelle im Osten der Stadt sei ein magischer Ort, denn auch dort habe es im Winter konstant eine Temperatur von 30 Grad. „Zurzeit halten sich dort ein Wolf, Füchse und Hasen auf, weil es sogar ihnen in den Wäldern und auf Feldern momentan zu kalt ist. In der Nacht sieht man sie dort sitzen.“

Weil der Bus gerade meine Zielhaltestelle anfuhr, verabschiedete ich mich von dem Herrn, der eigentlich ganz normal aussieht, es aber nicht ist, erhob mich und hangelte mich von Sitz zu Haltegriff in Richtung Bustüre, um im Zuge des Bremsmanövers nicht durch die Windschutzscheibe geschleudert zu werden.
Während ich die wenigen restlichen Schritte bis zu meiner Haustüre hinter mich brachte, freute ich mich über diesen Kurztrip in die Irrationalität nach einem langen Februar-Arbeitstag.

Der Winter mit Dauernebel und einem Rekordanteil an Minusgraden dauerte schon viel zu lange und drückte auf das Gemüt. Mit seinem Märchen von Hawaii und der Fabel von der heißen Kapellen-Bushaltestelle, an der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, rannte der Fremde bei mir daher offene Türen ein.
Ich hoffe, ich renne mit meinen Ausflügen in die Welt der Phantasie auch offene Türen ein und du genießt sie – ob in vollen Zügen, in vollen Bussen oder voller Sehnsucht nach ein bisschen mehr Irrationalität.
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