Wenn du jemanden fragst “Wie geht’s?”, willst du dann eine Floskel zur Antwort oder eine Abhandlung über das momentane Befinden des Gegenübers? Weil Sprache Realität formt und umgekehrt, ist es nicht Wurscht, wie so ein bürgerliches Höflichkeits-Rollenspiel abläuft. Mein Opa wusste das.
Wie lautet deiner Meinung nach die korrekte Antwort auf die Frage “Wie geht’s?”
Hier findest du mögliche Antworten
A) Schlecht B) Geht so C) Es muss gehen D) Danke gut! E) Sonstiges
Eines kann ich sicher sagen: Alle W-Fragen sind offene Fragen und erfordern mehr Gehirnschmalz als die Entscheidung zwischen „ja“ und „nein“. Und da besagte Frage eine nach dem momentanen persönlichen Befinden ist, muss die Antwort eine offene, individuelle sein. Trotzdem wusste mein Großvater genau, welche die einzig korrekte ist.

Wenn er durch das Stiegenhaus unseres Zweifamilienhauses auf dem Weg in seine Wohnung im Obergeschoß an unserer Türe klopfte und sie für ein kurzes Meet & Greet öffnete, ließ er die Worte „Grüß Gott! Wie geht’s?“ hereinschallen.
Falls wir uns einmal zu einer nicht-oberflächlichen Antwort bemüßigt fühlten und über unsere tatsächlichen Befindlichkeiten ausholten, antwortete er kurz und knapp: „Da sagt man: Danke, gut!“
Es war also ein Rollenspiel mit feststehendem Text, zu dem er uns da aufforderte. Wir konnten drauf einsteigen oder ihn mit ehrlichen Antworten provozieren.
Das inspirierte mich Jahre später zu einem Song, der alles Negative ausblendet. Ein Song, der nur Gutes affirmiert:
Danke, gut! – der Song
Alles darf sich zu unseren Gunsten drehen,
Das Optimum darf geschehen.
Das Beste dürfen wir uns gönnen,
Uns mit unserem Lebenslauf versöhnen.
Und fragt dich heute jemand: „Na, wie geht’s?“
So lautet die richtige Antwort stets:
„Danke, gut! Danke, gut! Danke, gut!
Danke, gut! Danke, gut! Danke, gut!“
Die Sucht nach Problemen ist nimmer modern,
Jammern liegt uns fern.
Wunder geschehen nun unentwegt,
Dunkle Wolken sind weggefegt.

Und fragt dich heute jemand: „Na, wie geht’s?“
So lautet die richtige Antwort stets:
„Danke, gut! Danke, gut! Danke, gut!
Danke, gut! Danke, gut! Danke, gut!“
Das Füllhorn entleert sich über unseren Köpfen,
Wir dürfen aus dem Vollen schöpfen.
Und wir fühlen uns dabei nicht schlecht,
Denn wir wissen: das ist unser gutes Recht.

Und fragt dich heute jemand: „Na, wie geht’s?“
So lautet die richtige Antwort stets:
„Danke, gut! Danke, gut! Danke, gut!
Danke, gut! Danke, gut! Danke, gut!
Danke, gut! Danke gut! Danke, gut!"
Positives Denken oder bürgerliche Fassaden-Pflege?
Jahrelang kritisierten wir den Großvater für seine Aufforderung zum oberflächlichen Rollenspiel, selbst als er längst das Zeitliche gesegnet hatte. Schließlich soll jede Frage auf ehrlichem Interesse begründet sein und nicht zum floskelhaften Rollenspiel verkommen. Und das ist noch immer unser Anspruch. Aber wieviele Selbsthilfebücher proklamieren, sich die Lebensumstände schön zu reden und die negativen Aspekte auszublenden?
Auf die Frage “Wie geht’s?” des höflichen Herrn aus dem Nachbarhaus entlädt Frau Meier ihren Frust über das Wetter, das Hühnerauge, die Hausverwaltung und fühlt sich danach noch schlechter. Ach, hätte sie doch “Danke, gut!” geantwortet.

So gesehen, war Großvater seiner Zeit voraus und hat das positive Reden schon propagiert, als noch kein Spiegel-Bestseller den radikalen Blick auf das Gute im großen Stil unter die Leute streute. Hatte Großvater diese Weisheiten also schon intus? Oder wollte er mit seinem häufig initiierten, kurzen Meet & Greet-Rollenspiel nur die kleinbürgerliche Eintrachtsfassade pflegen? Oder war es ihm wirklich Wurscht, wie es uns ging?
Entscheidung für “Danke, gut!”
Wie zahlreiche Social-Media-Weisheiten heute suggerieren, zeigt das, was ich von jemandem denke, wie ich ticke und nicht wie er ist.

Wie ich den Großvater heute interpretiere, spiegelt mein Mindset wider und nicht seine Intentionen.
Also entscheide ich mich, anzuerkennen, dass es schlechtere Affirmationen gibt, als „Danke, gut!“. Mehr noch – es gibt kaum eine bessere, als den täglich ausgedrückten Dank, dass es gut geht. Aber es wird schon noch einige Monate mit täglichen „Danke gut!“-Affirmationen brauchen, bis die negativen Gedankenströme verdunsten.
Der Großvater steht mir für dieses Meet & Greet-Rollenspiel nicht mehr zur Verfügung, aber vielleicht wäre es ein guter Anfang, ab nun jeden Morgen die Terrassentür zu öffnen und „Danke, gut!“ in die Landschaft zu schreien.

Vorerst schreie ich nicht, sondern schreibe und zeichne lieber. Darum erscheint jeden Montag um 7 Uhr morgens ein neuer Blog-Beitrag. Hier findest du die neuesten Song-Geschichten:
- “Du machst dich ja dauernd nieder”Unserer heutigen Beispiel-Figur ist gar nicht bewusst, dass sie sich verbal dauernd abwertet, bis ein Gesprächspartner sie aufbrausend darauf hinweist. Die Sprache deckt Dynamiken auf, in denen wir gefangen sind, vor allem, wenn so ein Feedback kommt. Darum suche ich heute nach Wegen, die Kommunikationsstrategie der Selbstabwertung hinter sich zu lassen.
- Vorsicht vor dem Lasso aus netten WortenLassoflechter*innen wollen ihre Hauptbezugsperson von der Herde isolieren, was nicht mit einem Ruck funktioniert. Sie drehen aus vielen freundlichen aber manipulativen Phrasen nach und nach ein starkes Lassoseil. Hier findest du eine Liste mit den sechs wichtigsten Strategien dieser heimtückischen Menschenfänger.
- Tollposing: So funktioniert Selbstdarstellung mit KramuriDie neue Flamme kommt! Schnell ein paar Wissenschaftsmagazine auf den Couchtisch legen! Wenn Objekte für ein Publikum extra zur Selbstdarstellung arrangiert werden, hat das nichts mehr mit Deko zu tun. Es ist Tollposing. Wie sogar Slipeinlagen, Kinderzeichnungen und Lateinhefte dafür herhalten und welchen sechs Regeln Tollposing folgt, erfährst du hier.
- Was, das alte Ding?Warum glauben wir eigentlich, anderen weismachen zu müssen, wir würden uns selbst nicht wertschätzen? Zumindest scheint es so, als gäbe es in unserem Kulturkreis eine soziale Norm, die uns nahelegt, Komplimente abzuwehren oder abzuschwächen. Da stellt sich die Frage: Werten wir damit nicht eigentlich das Gegenüber ab?
- Mimikry: Mit Täuschung zum ErfolgEine harmlose Fliege tarnt sich als Wespe, um nicht vom Vogel gefressen zu werden. Eine Blume stinkt wie Aas, um von Insekten bestäubt zu werden. Mimikry ist ein Täuschungsmanöver, das einigen Tierchen oder Pflanzen zum Vorteil gereicht. Weil auch der Mensch Mimikry für sich entdeckt hat, ist Enttäuschung mitunter vorprogrammiert.







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