Ich sag es mal so: Wer schön sein will, braucht Selbstwert. Denn wer diesen nicht hat, aber dennoch fesch ist, könnte von einer Katastrophe in die andere schlittern, vor der sie/ihn das Fehlen von Attraktivität vielleicht geschützt hätte.


Ein ganz extremer Schönheitskult kursiert heute parallel zu einer Bodypositivity-Bewegung, welche Abweichungen vom normativen Schönheit ideal nicht länger als Defizit akzeptieren will.


Die einen investieren viel Geld, um Zeichen der Alterung wegspritzen zu lassen, die anderen zeigen ihre Cellulite freizügig in sozialen Medien und schreiben darunter „Ich bin schön“.


Die einen stellen freizügig ihr Übergewicht zur Schau, um mit dem nächsten Bild zu demonstrieren, dass sich mit dem richtigen Kleiderschnitt auch eine Größe 46 hübsch verpacken lässt, andere zeigen stolz, wie sie es von einer Größe 36 auf eine 32er geschafft haben.


Welchem Lager man auch immer angehört, der Schönheitskult bleibt Thema.


Denn alle zeigen auf, wie man sich optimieren kann, um doch noch als fesch zu gelten oder um sich noch schöner zu fühlen, sei es durch schmeichelndes Outfit, zielführende Beauty-Routine oder – wenn das alles nichts hilft – eben durch Einstellungsänderung.


Aber absolut niemand thematisiert die Vorteile, die mangelnde Attraktivität bringen kann.


Nehmen wir Klara als Beispiel her: Klara hat in ihrem Leben schon einige Kleidergrößen durchgemacht. Sie war schon „die Dürre“, sie war die „Sportliche“ und sie war – Jojo-Effekt sei Dank – „die leicht Übergewichtige“. Klara entsprach also schon dem absoluten Schönheitsideal und Klara war zeitweise zu schwammig, um als attraktiv zu gelten.


Darum kann sie heute aus dem Nähkästchen plaudern: „Nie wurde ich schlechter behandelt, als zu jenen Zeiten, als ich schön war.“ Sie geht noch weiter und stellt die provokante These auf: „Leichtes Übergewicht schützt vor falschen Freunden, die einen nur ausnutzen wollen.“


Klara resümiert: „Zwei meiner furchtbarsten Beziehungen und ein paar unerfreuliche Liebschaften begannen, als ich extrem schlank war und somit in das Beuteschema von oberflächlichen Männern passte.”

“Als ich mehr auf den Rippen hatte, war es schwerer, Männer kennenzulernen, weil viele mich ablehnten. Aber wenn der Fall eintrat, dann waren es Männer, die tatsächlich Interesse an meiner Persönlichkeit hatten.”


Heute denkt Klara, sie hätte sich wohl einiges an Ärger und Kummer erspart, wenn sie durchgehend Größe 44 tragen hätte müssen. „Dann wäre ich für die toxischen Männer unsichtbar gewesen und hätte zwar weniger, dafür aber ehrliche Beziehungen führen können.“

Ihr leichtes Übergewicht schützt diese Frau vor eventuellen toxischen Bekanntschaften mit oberflächlichen Anwärtern.


Es gibt zwar nichts dagegen einzuwenden, schlank und attraktiv zu sein, aber in dem Fall braucht man schon sehr viel Selbstwert und Stärke, um dem Überangebot an zwielichtigen Verehrern zu widerstehen.


Als Klara schlank war, wollte jeder, der ihr mehr oder weniger gefiel, etwas Intimes mit ihr anfangen. Ob es eine verbindliche Partnerschaft oder ein Geplänkel war – man wollte sie zumindest eine zeitlang besitzen. 


Klara trug Größe 42 auf 1,64 cm, als sie den Disponenten Walter kennenlernte. Er gefiel ihr und sie wollte mehr, doch für ihn blieb sie „der Kumpel“.
„Alle seine Exfreundinnen waren spindeldürr und ich merkte bald, dass er mich nach Telefonnummern meiner sehr schlanken Freundinnen fragte“, erinnert sich Klara, „heute bin ich froh, dass mich die überschüssigen Kilos vor einer intimen Beziehung mit Walter beschützt hatten, denn er redet eigentlich eh nur langweiliges Zeug.“


Oder der Baupolier Christian. Als Klara ihn kennenlernte, passte sie zwar in Kleidergröße 40, aber mit nur 1,64 cm sollte sie 32 tragen, um als dürr zu gelten. Also entwickelte sich mit Christian auch nur eine lose Bekanntschaft anstatt der gewünschten Liebesbeziehung. „Ich hörte immer öfter, wie Christian über dicke Frauen lästerte und den Dünnen nachglotzte. „Wieder hatten mich die paar überschüssigen Kilos vor einer Beziehung geschützt, die zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Heute bin ich darüber froh, denn auch Christians Geschwafel wurde mir irgendwann zu langweilig.“


Schönheit ist gut und Schlankheit gesünder als Übergewicht, aber Perfektion ist gefährlich, wenn man nicht weiß, was man will und was man wert ist.

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