Positives Festkleben

Positives Festkleben

Die Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.

„Nehmen Sie Ihre Situation so an, wie sie ist. Vertrauen Sie darauf, dass alles so geschieht, wie es geschehen soll. Und falls Ihre Lebensumstände unerfreulich sind, drehen Sie sie in ihrem Kopf zum Positiven. Die Gedanken, die Sie denken, kreieren Ihr Umfeld.“

Diese Textpassage habe ich einer Vielzahl von Selbsthilfebüchern nachempfunden. Zwar möchte ich hier keine Autor*innennamen nennen (nicht, dass mich noch jemand verklagt), aber es sieht so aus, als würden sie alle mit dem Verstreuen solchen Gedankenguts lukrative Einkünfte erzielen.

Der Selbsthilfe-Markt dürfte ganz gut laufen, obwohl gute Tipps schon längst nicht mehr ausschließlich über Bücher verteilt werden, sondern auch via Podcast, Instagram, Facebook, YouTube und in Events – vom kleinen Seminar bis zum stadionfüllenden Guru-Auftritt.


Zwar glaube ich durchaus, dass die Grundhaltung eines Menschen dafür verantwortlich ist, wie er Geschehnisse interpretiert und in Folge dessen, was er daraus macht. Auch das Selbstbild spiegelt sich bestimmt im persönlichen Umfeld und wahrscheinlich auch in dem Job, den er/sie für angemessen hält.


Dennoch möchte ich zur Diskussion stellen, ob das oben demonstrierte radikal positive Denken nicht auch Schattenseiten hat. Und ich frage mich, wer letztendlich Nutzen daraus zieht.

Ist die Positiv-Denken-Kultur nur gut?

Ein Beispiel:

Balthasar arbeitet seit knapp 20 Jahren für ein und das selbe Unternehmen, wurde von Anfang an sehr schlecht bezahlt und erfuhr außer der gesetzlichen Inflationsanpassung nie eine Gehaltserhöhung, obwohl er mehrmals darum gebeten hatte.


In den 20 Jahren hatte Balthasar oft den Wunsch, die Arbeitsstelle zu wechseln, weil er sich eigentlich ausgebeutet fühlt.


Doch seit 15 Jahren liest er ein Selbsthilfebuch nach dem anderen, das ihm erzählt, er habe seine Situation mit seinen Gedanken selbst erzeugt. Solange er seine Einstellung nicht zum Positiven wende, könne er sein Umfeld, seine Arbeitsstelle noch so oft wechseln, er würde immer wieder in die gleichen Muster schlittern.

Also blieb er und machte auch mehrere Phasen des Quiet Hirings mit.

Quiet Hiring (stilles Einstellen) ist eine Praxis, die Unternehmen einen Vorteil bringt, aber die treuen Mitarbeiter ausbeutet, denn Personallücken, die etwa durch Kündigungen oder Pensionierungen entstehen, werden nicht nachbesetzt. Die Aufgaben werden stillschweigend den bestehenden Teammitgliedern aufgehalst. Meistens ohne formelle Rollenänderung und ohne Gehaltsanpassung.


Balthasar ist immer wieder extrem verärgert, wenn er noch mehr Aufgaben ohne Gegenleistung aufgezwungen bekommt. Doch schon bald dreht sich seine Aggression gegen das Unternehmen wieder gegen sich selbst.

Sind es denn nicht sein Zorn und seine Unzufriedenheit, die ihn daran hindern, den glücklichen Umstand zu erzeugen, fair bezahlt zu werden?

Hat er denn nicht of genug gelesen, er sei genau am richtigen Platz und seine Situation spiegle nur seine Einstellung?


Also bemüht sich der Mann seit vielen Jahren, sich seine Arbeitsstelle positiv zu denken, tötet seine Wut ab und erkennt an, dass es ihm auch anderswo nicht besser gehen würde. Ausschließlich sein Mangel an positivem Denken sei schuld, also er selbst.

Balthasar meditiert verzweifelt jeden Tag aufs Neue, um den Gleichmut zu erlangen, seine schlecht bezahlte Arbeitsstelle als angemessenes Schicksal anzunehmen. Wenn er es nicht schafft, genau an dieser Stelle einen besseren Status zu erlangen, wird er es wohl nirgendwo schaffen. So lautet das Eso-Dogma.


Wer profitiert davon, dass Balthasar den Sprung weg vom Ausbeuterunternehmen nicht schafft? Richtig! Das Ausbeuterunternehmen. Dem kann nichts besseres passieren, als ein unterbezahlter Mitarbeiter, der sich selbst die Schuld für seine Lage gibt und daher treu bleibt.

Darum frage ich jetzt in den Raum: Wem nutzen diese in Selbsthilfebüchern kolportieren Weisheiten wirklich?

Ich möchte jetzt keine Verschwörungstheorien aufstellen und behaupten, die Selbsthilfegurus wollten mit ihrer Idee vom positiven Denken den Kapitalismus unterstützen. Schließlich bleibt Balthasar nach Abbuchung der monatlichen Fixkosten kaum noch Geld am Konto. Also kann er der Wirtschaft als Konsument nur marginale Wertschöpfung bescheren.


Trotzdem will ich jetzt zu einer Conclusio kommen, die da wäre: Manche Selbsthilfebücher mögen gut gemeint sein, aber der Großteil verfolgt vor allem ein Ziel: hohe Verkaufszahlen zu generieren. Solche Bücher werden auch nur von Menschen geschrieben und von anderen lektoriert, die wiederum auf Verkaufszahlen abzielen. Und so entstehen eben verkaufsorientierte, missverständliche Textpassagen.

Wenn ich da an einen Titel denke, der in etwa so lautete: „Liebe dich selbst, dann ist es egal, wen du heiratest“. Wie fatal ist das denn, bitte? Ich kenne eine Person, die wegen dieses Buches in eine toxische Ehe getappt ist. Tja, selbst schuld – wahrscheinlich hat sie sich selbst noch nicht genug geliebt.


So wie Balthasar, der seiner Ausbeuter-Stelle treu ergeben ist, weil ihm eingebleut wurde, er müsse erst das toxische Muster auflösen, ehe er anderswo glücklich werden könne. Und so darbt er eben dahin: überarbeitet und unterbezahlt.

Und die Moral aus dieser Geschichte? Manchmal muss man einen radikalen Schlussstrich ziehen und sich von Unternehmen oder Menschen abwenden, um zu wachsen.

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