Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
Jene, die den Weltfrauentag überholt finden, halten entweder die strukturellen Ungerechtigkeiten für normal oder sie spüren die Ungleichheit nicht am eigenen Leib. Oder sie profitieren gar davon.
Natürlich treffen folgende Aphorismen bei weitem nicht auf alle Männer und alle Frauen zu, aber es gibt in der Wohlstandsgesellschaft des Globalen Nordens genug Menschen, bei denen es so ist. Und es gilt als ganz normal, weil “sie“ ja eh selbst die Schuld daran trägt. Sie hätte sich das alles auch anders organisieren können.
Er und sie
Er fährt im klimatisierten Porsche zur Arbeit.

Sie strampelt sich bei jedem Wetter am Fahrrad mit Anhänger ab, um das Kind in den Kindergarten zu chauffieren.
Er braucht sich in der Arbeit nicht zu stressen, um die Sperrstunde des Kindergartens nicht zu verpassen.
Sie hat in der Arbeit ständig Stress, weil sie das Kind möglichst früh vom Hort holen möchte.
Er holt Angebote für einen Swimmingpool ein.

Sie muss auf Willhaben Dinge verkaufen, um Lebensmittel kaufen zu können.
Er zahlt zu wenig oder gar keinen Unterhalt für die Kinder und denkt, sie kapiert eh nicht, dass er die Pflicht hätte, mehr beizutragen.
Sie ist selbst schuld, dass sie nichts über den offiziellen Amtsweg einfordert, weil sie den Konflikt scheut.
Er fliegt mit der neuen Freundin in den Urlaub.
Sie kauft nur reduzierte Lebensmittel, die bald ablaufen, weil ab Zehnten des Monats nur noch 100 Euro zur Verfügung stehen.

Zu Geburtstagen und zu Weihnachten bekommt das Kind Geld von Verwandten. Es kann damit Spielsachen kaufen oder es in die Sparbüchse werfen.
Die Mutter bekommt ein Trockenblumengesteck, bräuchte aber dringend Geld für Lebens- und Waschmittel, sowie Klopapier.
Der pensionierte Primar löst eine Seniorenkarte und kommt somit zum halben Preis ins Museum oder ins Schwimmbad.
Die Alleinerziehende muss Vollpreis zahlen und ist selbst schuld: Sie müsste ja nirgendwo hingehen.
Er geht am Samstagabend mit Freunden in ein Kabarett, danach in ein Restaurant und später in ein Pub.
Sie zieht sich unter einem Vorwand aus der Gesellschaft zurück, weil das Geld für die Zeche nicht reicht.

Er sieht sich ein Fußballmatch an.
Sie wischt das Stiegenhaus auf.
Wenn er arbeitet, dann arbeitet er. Und wenn er keine Zeit hat, dann hat er keine Zeit. Er steht nicht zur Verfügung.

Sie bewegt Himmel und Hölle, um das kranke Kind aus der Schule holen zu können.
Er würde sich für ihr Gehalt morgens nicht einmal die Schuhe anziehen.
Sie ist froh, einen Job zu haben, der ihr die Flexibilität bietet, für das Kind da zu sein.
Der potentielle Chef zieht ein besseres Jobangebot zurück, als er erfährt, dass die Frau ein vierjähriges Kind hat.
Er bekommt in seiner Firma einen Familienbonus ausbezahlt, weil er Vater ist, obwohl das Kind gar nicht bei ihm lebt.
Sie bekommt immer wieder zu hören, sie solle halt reich heiraten, weil sie als Alleinerziehende in die Armutsfalle getappt ist. Außerdem hätte sie doch auch einen Beruf erlernen können, in dem sie besser verdiene.

Sie weiß, dass das Leben einfacher wäre, wenn zwei Erwachsene ihre Gehälter für die Miete zusammenlegen würden, aber es gibt niemanden, mit dem sie ihr Leben und der sein Leben mit ihr teilen möchte. Außerdem will sie keinen Mann, dessen Exfrau sich irgendwo anders alleine mit den Kindern durchs Leben plagt.
Er kann nichts dafür, dass er sich von ihr so betören hat lassen, dass er sie leider ausnutzen und missbrauchen musste.
Sie ist selbst schuld, wenn sie nicht genug Selbstachtung hat.
Er ist ja nur ein Spiegel ihres Selbstwertes.
Sie ist selbst schuld, dass er übergriffig, herablassend und im schlimmsten Fall sogar gewalttätig wird, weil sie keine Grenzen gesteckt hat und nicht schnell genug Schluss gemacht hat.
Er sagt, er kenne eine Menge Frauen, die besser verdienten als sie und ihr Leben somit besser in Griff hätten.

Sie lebt mit den Kindern alleine, niemand hilft ihr, Ikea-Möbel zusammenzubauen und niemand zahlt bei Miete oder EVN-Rechnung mit. Sie hat neben ihrer Vollzeitarbeit einen Nebenjob, aber das Geld ist trotzdem knapp.
Er wird nach seiner Pensionierung beginnen, Golf zu spielen und oft zu verreisen.
Sie ist auf dem direkten Weg in die Altersarmut.

Er meint, der Weltfrauentag sei überholt, weil Frauen den Männern heute schon völlig gleichgestellt seien.
Sie widerspricht nicht, weil sie ja weiß, dass sie selbst daran schuld ist, dass sie trotz Vollzeitarbeit plus Nebenjob eine Alleinerziehende ist, die in der Armutsfalle festsitzt.
Die Gender Gaps sind schuld
Ein Problem ist, dass private Care-Arbeit (Obsorge für andere) weder als Arbeit anerkannt wird, noch bezahlt wird -> Gender Care Gap. Kinder aufzuziehen muss ganz selbstverständlich so nebenher laufen, obwohl diese Leistung das Fundament der Gesellschaft ist. Also funktioniert das System nur, wenn ein Elternteil über seine Grenzen geht und anderswo zurücksteckt.
Ein anderes Problem ist die ungerechte Bezahlung -> Gender Pay Gap. Working-Poverty trotz Vollzeitarbeit, weil Unternehmen nicht bereit sind, Frauen gerecht zu entlohnen. Shame on you! Daraus resultiert der Gender Pension Gap. Aber vermutlich ist auch daran die Frau selbst schuld, weil sie nicht fähig ist, sich auf die Beine zu stellen um gegen Goliath zu kämpfen.
Gut für alle, nur nicht für sie
Der Arbeitgeber zahlt ihr um einiges weniger, als ihre Leistung wert wäre. Gut für das Unternehmen. Die Wohnbaugesellschaft kassiert um einiges mehr Miete, als die Wohnung wert ist. Gut für die Wirtschaft. Der Vater der Kinder kann bequem seinen Tätigkeiten und Vergnügungen nachgehen, weil eh alles von selbst läuft und kommt noch dazu billig davon, weil sie den Konflikt scheut. Gut für ihn. Also warum etwas ändern, wenn eh jeder von ihr profitiert? Und als Draufgabe zieht sie noch zukünftige Steuerzahler groß.

Es läuft also alles bestens nach kapitalistischen, patriarchalen Strukturen und der Weltfrauentag ist genauso unnötig wie der Valentinstag, der nur das Geschäft der Blumenhändler ankurbeln soll.
Aber vielleicht könnte man ihr als Entschädigung zum Muttertag vielleicht einmal frische Blumen anstatt eines Trockenblumengestecks schenken. Das wäre auch gut für die Wirtschaft.

Das war ein Special zum Internationalen Frauentag. Ich danke dir, dass du bis hierher gelesen hast und ich wünsche dir eine gute Woche. Am 8. März ist Weltfrauentag.
Bis nächsten SiMOuNTAG, wenn wieder ein neuer Blog-Artikel erscheint:
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