Charaktersäue

Charaktersäue


Auch Leute mit miesem Charakter sind an sich ja auch nur Menschen mit besonderen Bedürfnissen, oder? Na ja, sie machen das Zusammenleben nicht einfacher und schon gar nicht besser. Aber sie gehören zu einer der letzten Personengruppen, die wir guten Gewissens ablehnen dürfen.


Perfekt ist niemand. Aber es gibt menschliche Unzulänglichkeiten, die gesellschaftlich nicht als Gründe zur Ächtung herangezogen werden sollen und dürfen. Oder würdest du jemanden ablehnen, nur weil er oder sie eine Rechenschwäche hat oder leicht friert? Würdest du eine Person meiden, weil sie die Reinigung ihrer Wohnung nicht in Griff hat oder nach dem Duschen gleich wieder fettes Haar bekommt oder unter unreiner Haut leidet?

Margot keift immer aus dem Fenster, wenn sich Leute nachts auf der Straße unterhalten, schimpft gerne über ihre Kolleginnen, lässt Textmarker und Druckerpatronen aus dem Büro mitgehen, wirft in der Kirche nie Geld in den Klingelbeutel (höchstens zerknülltes Kaugummipapier), versteht sich nicht mit ihren Geschwistern und führt mit einem Nachbarn Prozess. Sind das Gründe, Margot abzulehnen?


Was ist mit den Menschen, die einen unheilbaren Geiz oder einen unsagbaren Egoismus in die Wiege gelegt bekommen haben? Vielleicht sind auch solche Eigenschaften Defizite wie schlechter Kleidungsgeschmack oder die Tendenz zur übermäßigen Hornhautbildung auf den Fersen. Dennoch wiegen Geiz, Streitsucht, Falschheit oder Egoismus schwerer als andere Unzulänglichkeiten und sorgen dafür, dass wir unsere Zeit nicht gerne mit sogenannten „Charaktersäuen“ oder „Arschlöchern“ verbringen.

Vermutlich leiden sie selbst unter ihren Charaktereigenschaften. Wenn es für sie schon so schwierig ist, Zuneigung zu gewinnen, so möchte ich ihnen zumindest einen Song widmen:

Charaktersäue

Menschen sind halt nicht perfekt, 
Entweder z’goschert oder z’gschreckt.
Manche verhadern sich beim Dividieren,
Andere schreiben schiarch – sie schmieren.
Ein paar haben Fehlfunktion der Schilddrüse,
Andere haben jede Nacht kalte Füße.
Wir haben alle unsere Defizite:
Manche sind wuchtig um die Mitte,
Andere tendieren zu fettem Haar
Oder laborieren gar am grauen Star.
Bei anderen fliegt daheim der Lurch,
Andere ziehen nie etwas durch.
Poldi ist wuchtig um die Mitte, tendiert zu fettem Haar, bei ihm daheim fliegt der Lurch, zudem beutelt er den Fußabstreifer vor seiner Wohnung nie aus. Er hat die Handelsschule und zwei Lehren (Einzelhandelskaufmann & Schweißer) abgebrochen und somit keine abgeschlossene Berufsausbildung. Zudem wurde bei ihm eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert. Aber ist er uns deswegen unsympathisch?
Doch manche sind Charaktersäue – und können nichts dafür.
Sie charaktersauen ohne Reue – greifen Raum wie ein Geschwür.

Charaktersau – Charaktersäue
Mit fataler Schläue
Charakakakakaktersäue
Sind auch nicht zu beneiden
Aber besser doch zu meiden.
Manche Leut haben große Ohren
Andere verstopfte Poren,
Die einen essen viel zu viel,
Andere haben keinen Stil.
Ein paar haben Hornhaut an den Füßen,
Andere können niemals grüßen.
Karli hat große Ohren, grüßt auf der Straße so gut wie niemanden, beim All-you-can-eat-Buffet holt er sich jedes Mal vier gegupfte Teller, die er auch leer isst, trotzdem nimmt er nicht zu. Er ist nicht imstande, sich seine Kleidung selbst zu kaufen, weil er keinen Stil hat und nicht weiß, was ihm steht. Außerdem bohrt er gerne in der Nase. Sind das Gründe, Karli nicht zu mögen?
Doch ein besonderes Attribut
Verrät, der Charakter sei nicht gut.
Ein jeder von uns kennt
Personen, die man „Arschloch“ nennt.

Charaktersau – Charaktersäue
Mit fataler Schläue
Charakakakakaktersäue
Sind auch nicht zu beneiden
Aber besser doch zu meiden.
Harry lädt nie jemanden auf einen Drink ein, mag weder Kinder noch Tiere, nutzt Frauen schamlos aus, findet Blumen unnötig, kümmert sich einen Dreck um die Rettung der Bienen, hat schon zweimal auf einer Waldlichtung Bauschutt abgeladen, eine Autobatterie im Garten vergraben und lügt, sobald er den Mund aufmacht. Sind das Gründe, ihn abzulehnen?

Mein Resümee aus diesem Song: Es gibt zwei Hauptrichtungen von Unzulänglichkeiten, nämlich

• jene, über die wir hinwegsehen können und

• jene, über die wir nicht hinwegsehen können.

In welche der beiden Richtungen wir eine Unzulänglichkeit interpretieren, ist ethisch gesehen eine Frage, wie wir zum Prinzip des Determinismus stehen. Glauben wir, dass jeder Mensch jederzeit einen freien Willen hat oder denken wir, jede Handlung ist determiniert (begrenzt – also von neurologischen, entwicklungspsychologischen etc. Vorgängen bestimmt)? Schade ich mir selbst, wenn ich einer Charaktersau im Sinne des harten Determinismus ihre Sauereien nachsehe und verschaffe ich ihr somit Narrenfreiheit? Fragen über Fragen, die nur eines zeigen: die Welt ist nicht schwarz-weiß.

Aber wie sich schon im Song empfehle, sind Charaktersäue in jedem Fall besser zu meiden.

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