Das wirklich, wirklich Böse

Das wirklich, wirklich Böse


Das Leben wäre einfach, wenn sich alles in Gut und Böse kategorisieren ließe. Aber das spielt es nicht. Und das ist die eigentliche Wurzel des Übels. Das Böse muss nicht hässlich aussehen. Das Schlimmste ist, dass es manchmal auch ganz lieb und herzlich daherkommen kann, ehe es seine fatale Seite offenbart.


Der Teufel gilt als Sinnbild des Bösen. Furchteinflößende Optik mit Pferdefüßen, Hörnern, Pelz und schauderhafte akustische Signale mit rasselnden Ketten sollen von seiner Bösartigkeit künden.

Er gilt als Kontrapunkt zum Guten. Und nach Schwefel stinken soll er auch noch.

Doch so einfach ist es nicht, weil das Böse sich uns häufig mit schmeichelnden Worten, treuherzigen Blicken und ansprechendem Äußeren nähert. Zudem liegt die Schwierigkeit darin, dass das Böse, das uns angetan wird, nicht von Leuten ausgeht, die ausschließlich böse sind, sondern auch gute Seiten haben.

Ja, es mag red flags gegeben haben, über die wir am Anfang hinweggesehen haben, aber das wäre uns wohl nicht passiert, wenn der Kontakt nicht auch angenehme Seiten gehabt hätte.


Das Böse existiert, das ist Fakt. Doch ist es nur böse um der Bosheit Willen? Woraus es sich nährt und wie man mit den Wunden, die es reißt, umgeht, darüber mache ich mir im Song „Das wirklich, wirklich Böse“ Gedanken:

Das wirklich, wirklich Böse – der Song

Suche nach Worten, nach Bildern nach Tönen
Die mich erlösen, doch es hört nicht auf zu dröhnen.
Es schneidet, drückt, es zieht, es brennt,
Der Schmerz – er bleibt, die Zeit – sie rennt.
Diesen Brocken kann ich nicht zerkau’n,
Ich bin ein trauriger Clown,
Hanswurst mit finsterem Blick
Doch ich mach mich dennoch schick.
Refrain: Das wirklich, wirklich Böse trägt keine Hörner, keinen Pferdefuß,
Entstammt nicht dem Höllenfeuer, ist nicht voll Russ.
Das wirklich, wirklich Böse spielt keine Teufelsgeige.
Das wirklich, wirklich Böse ist schwach und feige!
“Ich bin ein trauriger Clown”: Vielleicht ist es ein Merkmal des Bösen, dass uns der Umgang mit ihm immer trauriger macht, weil es uns entwertet.
Kein Fluss Styx, der mich vom Bösen trennt,
Kein Cerberus, der mir entgegenrennt,
Kein Gestank nach Schwefel, der mich warnt,
Nur Schmeichelei, die mich umgarnt.
Das Böse krallt sich an mir fest,
Ersäuft mich, gibt mir den Rest.
Macht mich nieder, macht mich klein,
Um selbst ein Stück größer zu sein.

Refrain (siehe oben)
Das Böse zu erkennen ist schwierig, denn es trägt meistens nicht die Merkmale des Teufels.
Was steht sich dafür, wer ist es wert,
Dass man sich auch nur das Geringste schert?
Warum treten die Zeitgenossen
Unverdrossen
Mit vollem Gewicht
In den Bauch, in das Gesicht,
Ohne Gedanken
In die Mitte, in die Flanken?
Refrain: Das wirklich, wirklich Böse trägt keine Hörner, keinen Pferdefuß,
Entstammt nicht dem Höllenfeuer, ist nicht voll Ruß.
Das wirklich, wirklich Böse spielt keine Teufelsgeige.
Das wirklich, wirklich Böse ist schwach und feige!

Böse, gut, schwach, feige und manchmal charmant


Das ist es, was ich herausgefunden habe: Das wirklich, wirklich Böse ist schwach und feige. Davon geht das meiste Leid im Zusammenleben aus.

Leider müssen die Bösen (=die Schwachfeigen) manchmal auch lieb zu uns sein, weil wir sie sonst sofort fallen lassen würden. Darum machen wir das böse Spiel eine zeitlang mit, obwohl es nur dazu führt, dass sie sich auf unsere Kosten selbst aufwerten wollen.

Denn auch das wirklich, wirklich Böse will gut dastehen. Und dazu braucht es Opfer, die es nieder- oder gefügig machen kann, um sich überlegen oder begehrenswert zu fühlen. Es braucht nützliche Schlüsselfiguren, durch die es sich gesellschaftlich akzeptiert fühlen kann.


Wie erkennt man das wirklich, wirklich Böse?

Weil das Böse meist nicht so offensichtlich daherkommt, wie auf diesem Bild, erstelle ich eine Liste mit Merkmalen des wirklich, wirklich Bösen.
  • Subtil Zwietracht säen: Es sind Leute, die von Anfang an Unfrieden stiften. Sie entfremden ihre Schlüsselfigur von Familie und Freunden, indem sie geschickt und subtil böses Blut säen. Dabei stellen sie sich selbst als einzigen, vertrauenswürdigen Menschen dar. Weil sie schwach sind, versuchen sie, Konkurrenz auszuschalten. Weil sie feige sind, machen sie das auf hinterhältige Art.
  • In Gesellschaft charmant, zu zweit sekkant: Oder sie behandeln alle anderen besser, als ihre Schlüsselfigur. Sie können in Gesellschaft total einfühlsam wirken, schmeißen Runden oder machen dem Umfeld Geschenke, aber wenn sie mit ihrer Schlüsselfigur alleine sind, gibt es Vorwürfe, Eifersuchtsszenen und Geiz. Sie wollen vor Familie und Freunden gut dastehen, traktieren ihre Schlüsselfigur aber hinter den Kulissen. Dies kann durchaus in Kombination mit der oben genannten Entfremdung geschehen.
  • Üble Nachrede versus best friends: Sie schimpfen vor jedem Kollegen hinterrücks über alle anderen und machen böses Blut (“weißt du, was die über dich gesagt hat?”), stellen sich aber vor jedem als „einziger Vertrauter“ dar.
  • Schadenfreude: Sie ergötzen sich am Unglück anderer.
  • Selbstbewusstseins-Vampire: Menschen, die sich nur bei ihrer Schlüsselfigur melden, wenn sie wieder einmal einen Kick für ihr Selbstbewusstsein brauchen. Das erkennt man daran, dass sie sich spontan zu unmöglichen Zeiten (z.B. spät nachts) melden und dann auf ein sofortiges Treffen beharren.
  • Übergriffig aber heuchlerisch: Eventuell überschreiten sie Grenzen, wie körperliche Selbstbestimmtheit anderer Menschen: sexuelle Übergriffe, Gewalt bei gleichzeitigem Vorgaukeln ethischer Korrektheit.
  • Political Correctness-Polizei mit Schattenseiten: Manche weisen ihr Umfeld gerne auf politisch korrekte Sprechweisen hin, benutzen, missbrauchen, belügen und betrügen Nahestehende aber.
  • Gaslighting: Sie sorgen dafür, dass ihr Gegenüber an seinen eigenen Gefühlen und Beobachtungen zweifelt, indem sie diese zerreden und abwerten. Sie tun so, als hätten Bedenken und Beschwerden keine Berechtigung.
  • Narzissten: Alles, was man dieser Spezies so nachsagt, passt auch in diese Liste.
  • Wendehälse: Wenn man ihnen auf die Schliche kommt, heucheln sie plötzlich eine Blitzbekehrung oder sonstiges abruptes Aufkeimen eines gemeinsamen Interesses vor, um weiterhin akzeptiert zu werden.
  • Komplimente des Bösen (backhanded compliments): Sie werten ihr Gegenüber subtil ab und schaffen es mitunter, diese Abwertung in Komplimente zu verpacken (z.B. “Wow, ich hätte gerne dein Selbstbewusstsein, mit deiner Figur dieses Kleid zu tagen!”). Weil sie schwach sind, geben sie anderen das Gefühl der Unterlegenheit. Weil sie feige sind, verschleiern sie diese Beleidigungen.

Komplimente, die eigentlich Beleidigungen sind, sind vielleicht noch kein Indiz für Bösartigkeit, arten aber dennoch zu Abwertungen aus. Von Zuneigung zeugen sie jedenfalls nicht.

Es ist unmöglich, diese Liste zu vervollständigen, denn das Böse präsentiert sich in vielen Varianten. Aber ich fasse grundsätzlich zusammen:

Das Resümee des Bösen

Das Böse erscheint, wo sich Schwachfeige minderwertig und unzulänglich fühlen und andere abwerten oder gar missbrauchen, um sich hochwertiger zu fühlen. Weil sie schwach sind, tut es ihnen gut, wenn andere wegen ihnen leiden. Weil sie feige sind, nutzen sie hinterhältige Methoden, um Macht über ihre Schlüsselfiguren zu erlangen.

Ach, wenn das Böse doch mit so einer Visage daherkommen würde, dann würden wir von vornherein einen großen Bogen darum machen.

Ich habe lange gezögert, den Song “Das wirklich, wirklich Böse” auf diesem Blog zu behandeln. Aber leider lässt es sich nicht ignorieren, dass es Bösartigkeit in dieser Welt gibt, auch wenn sie nie in Reinform daherkommt. Niemand soll sich von Schwachfeigen benutzen lassen müssen.

Ich danke dir, dass du dir Zeit für diesen Beitrag genommen hast und ich wünsche dir viel Kraft.

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