Der Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde? Und warum muss man das Familienleben um einen Job herumbauen und nicht umgekehrt?


Bis 1975 brauchte eine Ehefrau das Einverständnis ihres Mannes, um einen Job annehmen zu dürfen. Heute kann jede Frau längst arbeiten gehen, auch wenn es dem Gatten nicht passt. Bis heute braucht ein(e) Vollzeitarbeitende(r) das Einverständnis des Arbeitgebers, um einen Zweitjob annehmen zu dürfen.

Was ist daraus zu schließen? Ein Chef hat Besitzansprüche (auf Frau und Mann gleichermaßen), die man bei einem Ehepartner heute auf keinen Fall akzeptieren würde. Warum ist das eigentlich in Ordnung für uns?

Margarete erzählt: „Er fordert, dass ich die meiste Zeit der Woche für ihn arbeite – ganztägig – wenn es sein muss, auch länger. Er verlangt, dass ich ihn um Erlaubnis frage, wenn ich einen kleinen Nebenjob annehmen möchte. Er kann es mir verbieten.”

Margarete spricht weiter: “Er lastet mir stillschweigend immer mehr Arbeit auf und fragt nicht, wie ich damit zurecht komme. Er verbietet mir, das Haus zu verlassen, weil ich ja ihm gehöre. Ich könnte ihn nur verlassen, wenn ich rechtzeitig einen anderen finde. Aber auch der Neue würde mir alles abverlangen. Ich sehe keinen Weg aus der Abhängigkeit.“

“Ich bin ihm völlig egal, er will nur seinen Nutzen aus mir ziehen. Ich kann ihn aber nicht verlassen, weil ich von dem abhängig bin, was er mir gibt.”

Margarete über ein völlig legitimes Verhältnis

Margarete meint mit „er“ keinen herrischen Ehemann, sondern ihren Arbeitgeber, beziehungsweise den Job. Denn sie ist kein Tradwife, also keine traditionelle Ehefrau, die an Herd und Haushalt gefesselt ist, sondern eine der sogenannten unabhängigen Frauen.

Sie verkauft den Hauptteil ihrer Lebenszeit an einen Arbeitgeber und muss all die Haushaltspflichten, die für ein Tradwife tagesfüllend sind, zusätzlich nebenher erledigen. Darum darf sie sich „frei“ nennen, denn theoretisch könnte sie auch für sich selbst sorgen. Falls ihr Lohn dafür reicht.

Schön, dass die (finanzielle) Unabhängigkeit der Frauen öffentlich so intensiv diskutiert wird. Natürlich ist es fatal, sich in die Abhängigkeit von einem Familienernährer zu begeben, dessen Willkür unberechenbar ist.

Aber warum wird im öffentlichen Diskurs die alternative Abhängigkeit kritiklos hingenommen? Warum gilt es als Unabhängigkeit, sich einem Arbeitgeber zu unterwerfen, der den Großteil meiner Lebenszeit für sich beansprucht und mich benutzen darf, wie es ihm gerade passt?

Wenn es ihm dienlich ist, mir Aufgabenbereiche von ausgeschiedenen Kolleg*innen aufzubrummen, dann hindert ihn niemand daran. Ja klar, wir kommen dadurch zu monatlichen Eingängen auf unseren Girokontos, aber die werden leider nur allzu oft unserem Einsatz nicht gerecht. 

Die Abhängigkeit verlagert sich ja nur – von einem Ehemann, der mich jederzeit verlassen könnte, hin zu einem Arbeitgeber, der mich jederzeit feuern könnte. Vielleicht ist die Idee, die dahinter steckt, dass es einfacher ist, einen neuen Arbeitgeber zu finden, als einen neuen Partner, der für uns sorgt.

Eine Kündigung ist mitunter unproblematischer vollzogen als eine Trennung und ein Arbeitgeber lässt uns im Schlafgemach hoffentlich in Ruhe. Dennoch können uns die Schrecken der Arbeitswelt auch bis ins traute Heim verfolgen.

Im öffentlichen Diskurs wird Abhängigkeit von einem Arbeitgeber – ja sogar die Ergebenheit, die so ein Dienstverhältnis fordert – unverhältnismäßig besser bewertet als die Abhängigkeit von einem Ehepartner. Einem solchen Dienstverhältnis sollen sogar das ganze Leben und die Familie untergeordnet werden. Den Obsorge- und Haushaltspflichten sollen wir in der verbleibenden, kargen Freizeit aber dann doch genauso freudig und intensiv nachkommen, als hätten wir keinen Job.

Und das Aufziehen von Kindern ist offenbar eine so marginale Nebensache, dass die Zeit neben dem Vollzeitjob dafür locker reichen muss. Es hängt ja nur die Zukunft der ganzen Gesellschaft davon ab, wie sich der Nachwuchs entwickelt. Also warum sollte dafür jemand beim Job zurückstecken?

Ich schließe daraus: Wir unterscheiden zwischen guter Abhängigkeit und schlechter Abhängigkeit. Aber ich verstehe schon: Ein Job dient ja auch der Selbstverwirklichung. Wir wollen nicht nur kochen, putzen, Kinder von der Schule abholen und ihnen bei den Hausübungen helfen. Wir wollen den ganzen Tag an einer Kasse sitzen, Einkäufe kassieren, Regale einschlichten und zusätzlich kochen, putzen, Kinder von der Schule abholen und ihnen bei den Hausübungen helfen. 

Lohnarbeit rangiert über der Familie

Nein, ich plädiere hier nicht für die Rückkehr der traditionellen Hausfrauenschaft. (Die Hausfrau ist ja ohnehin nicht ausgestorben. Sie bewältigt den Vollzeithaushalt heute eben nur neben dem Vollzeitjob.) Ich selbst war nie Vollzeithausfrau und nie von einem Mann abhängig, sondern kämpfe seit jeher alleine – sogar mit Kind und Berufstätigkeit. Und trotzdem fühle ich mich nicht frei. Denn ohne Abhängigkeit geht es nicht.

Selbstständige sind abhängig von ihren Kund*innen, Unternehmen sind abhängig von der Marktentwicklung und sehen sich vermehrt gezwungen, ihre Angestellten auszubeuten, um ihre Gewinne zu retten. Arbeitnehmer müssen sich dieser Ausbeutung beugen, um ihr bescheidenes Einkommen nicht zu verlieren. Das gilt für Frauen und das gilt für Männer.

Jene, die uns benutzen, haben mehr Recht auf uns, als jene, die uns lieben

Ich rege dazu an, die Mär von der Unabhängigkeit zu überdenken, denn ganz ohne Geiselhaft geht es nicht. Und ich finde, dass es in einem System, das auf Ausbeutung aufgebaut ist, den Arbeitgeber nichts angeht, ob wir einen Nebenjob haben oder nicht. Und warum es als große Befreiung gilt, sich einem Arbeitgeber völlig zu ergeben und die Menschen, die wirklich auf uns angewiesen sind, dafür vernachlässigen zu müssen, verstehe ich auch nicht ganz.

Danke, dass du bis hierher gelesen hast. Jeden SiMOuNTAG erscheint ein neuer Blog:

  • Die gute und die schlechte Abhängigkeit
    Der Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde?
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    Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
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