“Er ist mein Anker”

“Er ist mein Anker”

Für das Special rund um den Valentinstag befrage ich ein junges Paar, das schon ziemlich lange zusammen ist, nach dem Geheimnis seines Erfolgs. Die beiden erklären, warum sie Gemeinsamkeit dem wilden Single-Leben vorziehen und warum man Freundschaft und Partnerschaft nicht trennen sollte.


Eine große Menge Erwachsener hat heute ganz schön Struggle, eine gute Beziehung zu führen. Darum frage ich mich manchmal, ob die Paarbeziehung überhaupt noch Sinn und Zukunft hat.

Und ich würde schon gar nicht mehr daran glauben, gäbe es da in meinem unmittelbaren Umfeld nicht ein junges Paar, das seit Jahren eine harmonische Partnerschaft auf Augenhöhe führt.

Zusammenhalt statt Sucht nach Romantik: Ich habe den Eindruck, die beiden sind immer füreinander da.

Die beiden sind 20, beziehungsweise 21 Jahre alt und seit genau vier Jahren zusammen, was – gemessen an ihrem Alter – eine wirklich lange Zeit ist.

Anstatt ein älteres Paar zu interviewen, das durch gemeinsame Obsorgepflichten oder Hauseigentum aneinander gekettet ist, stelle ich diesem jungen Paar – getrennt voneinander – die selben Fragen.


SIMOUN: Ist die Paarbeziehung in eurer Generation (GenZ) nicht eigentlich out?

SALVIA: „Ja, vermutlich mehr als früher. Die Hook up Culture ist in unserer Generation weit verbreitet. („Hook up“ bedeutet im Englischen umgangssprachlich meist ein zwangloses, sexuelles Treffen oder intimes „Rummachen“ ohne feste Beziehungsabsichten. Anm.) Viele Beziehungen halten nicht lang, aber das war früher sicher auch schon so. Ich kenne aber durchaus viele Paare in meinem Alter, die schon mehrere Jahre zusammen sind.“

LUKA: „Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass die Paarbeziehung out ist.“

SIMOUN: Ihr seid nun ein Fünftel eurer bisherigen Lebenszeit zusammen. Wie hat sich die Beziehung verändert?

SALVIA: „Wir waren Kinder, als wir zusammen gekommen sind. Wir waren noch unverantwortlich, denn wenn wir miteinander Zeit verbracht haben, haben wir Serien geschaut und dabei Junk Food in uns hineingestopft. Jetzt sind wir verantwortungsbewusster geworden, machen zwar gemeinsam Spaß, aber diskutieren auch über aktuelle Themen oder kochen miteinander gesundheitsbewusst und motivieren uns gegenseitig zu Bewegung.“

LUKA: „Die Beziehung hat sich nur positiv verändert. Es wird immer vertrauter, je länger man zusammen ist. Man weiß dann schon ziemlich alles voneinander. Das ist gut, weil es entspannter ist.“

Vertrautheit und Vorhersehbarkeit: Was andere langweilt oder gar ängstigt, ist für Salvia und Luka das Beste.

SIMOUN: Das Geheimnis des Erfolgs?

SALVIA: „Wir haben uns beide relativ zeitgleich miteinander verändert und entwickelt. Hätte sich einer weniger oder anders entwickelt, würde die Beziehung nicht mehr funktionieren. Viele machen den Fehler, Partnerschaft und Freundschaft zu trennen und behandeln den Partner ganz anders als andere Freunde. Er ist beides für mich. Wir scherzen miteinander. Das hält die Beziehung am Laufen und bewahrt das Feuer. So kehrt keine Langeweile ein.“

LUKA: „Manchmal muss man einfach nachgeben und sagen, dass man unrecht hat.“

SIMOUN: Sehnst du dich manchmal nach einem wilden Single-Leben?

SALVIA: „Ich will es gar nicht: saufen gehen. Ich kann ja auch mit ihm gemeinsam fort gehen. Allerdings finde ich es auch wichtig, mit anderen Freunden alleine etwas zu unternehmen.“

LUKA: „Nein. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das brauche. Eine gute Beziehung ist wertvoller als ein Singel-Leben.“

Wilde Abenteuer sind nichts gegen eine stabile Partnerschaft, finden die beiden.

SIMOUN: Worin liegen die Vorteile einer Beziehung?

SALVIA: „Für mich ist er nicht nur mein fester Partner, sondern mein bester Freund. Wir motivieren uns gegenseitig, vor allem, was Sport angeht. Er motiviert mich, mehr ins Fitnessstudio zu gehen, wir pushen uns. Ich motiviere ihn, laufen zu gehen. Ich habe immer jemanden, mit dem ich reden kann, wenn ich mich alleine fühle und wenn es mir schlecht geht. Was ich an ihm so gerne mag: Er ist mein Anker, weil er so stabil in seinen Emotionen ist. Ich bin sehr emotional, habe Hochs und Tiefs wie das Meer. Er ist so ein verlässlicher Mensch. Ich weiß, es gibt keine bösen Überraschungen. Er ist nie besonders schlecht gelaunt. Wenn er mal schlechter drauf sein sollte, dann nur kurz, dann ist er wieder wie immer.“

LUKA: „Du hast eine Person, die sich fast immer Zeit für dich nimmt. Mit ihr habe ich eine Partnerin, aber auch einen Freund, mit dem ich etwas unternehmen kann. Eine Person, der ich mich (außer den Eltern) anvertrauen kann.”

SIMOUN: Welche Rolle spielt die Familie dabei?

SALVIA: “Ich liebe seine Familie – alle. Sie supporten mich und wir haben schöne Erlebnisse gemeinsam. Ich bin so gerne bei seiner Familie. Aber natürlich hat man nicht immer so großes Glück.”

SIMOUN: Luka, ist es förderlich, dass du aus einer Familie mit glücklich verheirateten Eltern kommst?

LUKA: “Das kann sein. Meine Eltern sind auf jeden Fall Vorbilder für mich.”

SIMOUN: Vorsatz oder Zufall?

SALVIA: “Als wir uns drei Monate kannten, konnte ich mir nicht mehr vorstellen, dass diese Beziehung jemals endet.”

LUKA: „Wahrscheinlich beides. Du kannst selbst als Mensch daran arbeiten und dir Mühe geben. Aber du musst auch von Anfang an die richtige Person finden, mit der du dich verstehst. Dazu muss man natürlich auch Glück haben.“

SIMOUN: Danke für das Gespräch.

Ich fasse die wichtigsten Punkte zusammen:

  • Stabilität und Sicherheit als zentrale Werte schätzen
  • mit dem Partner von Anfang an so entspannt sein, wie mit den vertrauten Kumpels
  • sich miteinander weiterentwickeln
  • sich gegenseitig motivieren (gemeinsames Hobby)
  • ab und zu nachgeben

Ich danke auch dir, dass du dir Zeit genommen hast, den Blog heute zu lesen. Nächstes Mal interviewe ich ein langjähriges Paar in höherem Alter, denn jeden Simountag kommt etwas Neues:

  • Die lehrreiche Fabel vom Mammut und de Meis
    Tja, was passiert denn, wenn de Meis a Mammut zum Nachmittagskaffee einladen und das Mammut trotz anfänglicher Zweifel wirklich im Mäuseloch erscheint? Ein Mini-Versepos von krassen Gegensätzen mit fatalistischem Kompositionsprinzip. Und mit Video.
  • Wann es besser ist, unschön zu sein
    Ich sag es mal so: Wer schön sein will, braucht Selbstwert. Denn wer diesen nicht hat, aber dennoch fesch ist, könnte von einer Katastrophe in die andere schlittern, vor der sie/ihn das Fehlen von Attraktivität vielleicht geschützt hätte.
  • Die gute und die schlechte Abhängigkeit
    Der Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde?
  • Positives Festkleben
    Die Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.
  • Voll gefoggt
    Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
  • ‘Sie ist ja selber schuld’
    Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
  • “Ich war zu wählerisch”
    Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.

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