Ein Gehirn ohne Störstoffe ist immer modern. Nur – wie man sie loswird oder meidet – das unterliegt wechselnden Modeströmungen. Weil die zuverlässigste Heilerin „Zeit“ und ihre Assistentin „Gleichgültigkeit“ nicht die flottesten sind, boomt der Ratgeber-Markt, der Lebenshilfe modisch aufbereitet. Wenn’s die bösen Wesen schneller verscheucht – warum nicht?
Als ich vor kurzem etwas Zeit in einer riesigen Buchhandlung verbrachte, stieß ich neben Belletristik und Unterhaltungsliteratur, neben Kochbüchern, schönen Bildbänden und jeder Menge Krimskrams vor allem auf ein unerschöpfliches Kontingent an Ratgeberliteratur.

Ratgeber-Moden
Entweder muss erst das innere Kind geheilt oder narzisstischer Missbrauch im Lebenslauf decodiert werden, oder dem Gedankenkarussell soll gar nicht zu viel Bedeutung zugemessen werden, eigene Gedanken sollen wie die Wellen am Meeresstrand herankommen und sich wieder zurückziehen dürfen – nach dem Motto „Ich bin nicht meine Gedanken“.
Auch Beziehungsratgeber präsentieren sich uns nach der jeweils gängigen Mode und dem aktuellen Diskurs.

Herrschte bis vor etwa 20 Jahren noch die Prämisse „Liebe dich selbst, dann ist es ganz Wurscht, wem du die zweite Steppdecke in deinem Bett überziehst, aber teile dein Leben um jeden Preis mit jemanden, denn das ist so erfüllend“, so tendiert die Ratgeberliteratur-Mode zurzeit zur Absage an die heteronormative Paarbeziehung.

Vor allem die Frau könne laut der zurzeit modernen Ratgeber-Literatur nur verlieren, wenn sie sich in eine romantische Zweierkonstellation begibt, weil ein Gros der Beziehungsarbeit an ihr hängen bliebe.
Um das Paradox zwischen der Hochzeit in Weiß mit dem Richtigen und der bitteren Realität zu polemisieren, sind solche Bücher meist in Barbie-Pink aufgemacht – in Kombination mit einem kämpferischen Anti-Romantik-Titel.
Wie auch immer sich der jeweilige Zeitgeist in Ratgeberliteratur niederschlägt, ein großes Geschäftsfeld eröffnet die verzweifelte Suche nach einem guten Leben allemal.
So gesehen, sind doch jene zu beneiden, die auf die Frage “Wie geht’s?” so antworten können:
Es gibt genügend Influenzer*innen, die es von der Kosmetikerin oder vom ewigen Studenten zur finanzkräftigen Instanz in Sachen Lebenshilfe gebracht haben. Und das nur, indem sie mit ihrem angeblich persönlichen Weg zur Selbstoptimierung Klicks ohne Ende generieren.
Der anhaltende Erfolg institutionalisierter Lebenstipps zeigt vor allem eines: Die Menschheit – oder ein gewaltiger Teil davon – ist verzweifelt auf der Suche nach Wegen, mit sich selbst zurechtzukommen.

Seit das Erlösungsmonopol der Religion nicht mehr unangefochten ist, sind die Tore für eine Flut von alternativen Wegen zum Heil weit geöffnet und es schwemmt auch einiges auf uns zu.

Nehmen wir einmal das geflügelte Sprichwort „Die Zeit heilt alle Wunden“ her. Die Zeit ist schon ein wichtiger Faktor, wenn es gilt, Erlebnisse zu verarbeiten, aber seien wir uns mal ehrlich: als Ersthelferin in Akutfällen taugt sie nix. Dazu beeilt sie sich zu wenig.
Geheilt – der Song
Wer will sich ins Fegefeuer schicken –
Mit Argwohn in den Spiegel blicken?
Da greift sich jeder an die Stirn
Lässt man den Teufel ohne Hirn
Und ohne Herz unter das Dach –
Dann gibt es wohl nur Krach.
Sich selbst ins Fegefeuer schicken oder sich gar den Teufel ohne Herz und Hirn ins Haus holen? Das klingt schrecklich, passiert aber. Und selbst wenn man den Gehörnten verscheucht hat, muss man mit dem Fegefeuer der Erinnerung zurechtkommen.

Die Zeit hat sich zwar nicht beeilt,
Doch wir sind geheilt –
So sehr geheilt!
Geheilt, erlöst, genesen –
Fort sind die bösen Wesen!
Wer seinen Geist für sinnlos hält,
Wem sein eigenes Gesicht nicht g’fällt,
Der find’ an jedem Straßeneck
irgendan Trottl, der an behandelt wie Dreck.
Der einem das Selbstbild unterschreibt
Und tiefer in die Hölle treibt.

In dieser Hinsicht sind sich die Selbsthilfebücher einig: Wer sich selbst nicht mag, wird wohl schwer Glück haben. Damit mögen sie recht haben. Werde einmal geheilt, wenn du dein eigenes Spiegelbild nicht leiden kannst! Unmöglich! Die Zeit hilft nur beim Heilen, wenn der “hätte können”-Konjunktiv der Zuversicht weicht.
Die Zeit hat sich zwar nicht beeilt,
Doch wir sind geheilt –
So sehr geheilt!
Geheilt, erlöst, genesen –
Fort sind die bösen Wesen!
Geheilt – immer wieder
Dieser Song affirmiert also, was sich jede*r wünscht: „Wir sind geheilt, erlöst, genesen“. Die bösen Wesen – quälende Gedanken, belastende Erinnerungen – kursieren nicht mehr als Störstoffe im Kopf, sondern sind weg. Leider ist es ja nicht damit getan, sich von unangenehmen Menschen, zu entfernen.
Was sie uns angetan haben, bleibt als belastende Erinnerung – als böses Wesen – noch länger im Kopf.
Die Zeit heilt uns, indem sie mit der Gleichgültigkeit – der Null-Emotion – wieder seelisches Gleichgewicht einkehren lässt.

Sieh hier die Hommage an die Gleichgültigkeit:
Aber wie ein eisgekühlter Blutkonservensack durchs Leben zu gehen, ist auch keine dauerhafte Lösung, denn ein emotionales Wechselbad macht das Dasein doch erst interessant, oder? Wahrscheinlich kommen wir nicht drumherum, immer wieder aufs Neue zu heilen.
So gesehen ist mein Refrain „Wir sind geheilt erlöst, genesen – fort sind die bösen Wesen“ eine wahre Aussage, aber kein Dauerzustand. (So wie die frisch gewaschene Wäsche auch jeden Moment wieder dreckig werden kann.)

Denn die einen bösen Wesen sind weg, aber andere versuchen anzudocken. Auch wenn wir mit der Erfahrung als Schutzschild einige von vornherein abwehren können, so werden es andere vielleicht doch wieder schaffen, das seelische Gleichgewicht zu stören. Es ist ein Kommen und Gehen – sozusagen ein Störstoffwechsel, der es immer wieder aufs Neue notwendig macht, geheilt zu werden. (So wie die Wäsche immer wieder gewaschen werden muss.)
Wenn etwas aus der vielfältigen Ratgeber-Landschaft dabei helfen kann, dann ist das super, denn die beiden Assistentinnen zur Heilung – die Zeit und die Gleichgültigkeit – sind zwar zuverlässig, aber nicht die schnellsten.
Zuverlässig erscheint jeden Montag ein neuer Blog-Beitrag. Danke, dass du hier bist, obwohl auch dir sicher ein Tsunami an Lebensweisheiten entgegenschwappt. Ich freue mich, wenn du wieder reinschaust:
- Die gute und die schlechte AbhängigkeitDer Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde?
- Positives FestklebenDie Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.
- Voll gefoggtWas haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
- ‘Sie ist ja selber schuld’Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
- “Ich war zu wählerisch”Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.







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