Wer sich ständig rechtfertigt, nimmt eine Bewertung des anderen vorweg, die überhaupt nicht im Raum steht. Sich dauernd ungefragt zu erklären, sagt: „Bitte denk nicht, dass ich nicht gut genug bin.“ Dieses Phänomen ist stark verbreitet. Auch hier hab ich typische Formulierungen herausgearbeitet, die man fürs erste einfach weglassen kann.
Unsere Identifikationafigur Isolde hatte vor einigen Wochen an dieser Stelle eine Erkenntnis: Sie nutzte allzu oft die Kommunikationstechnik der Selbstabwertung. Hier die Erinnerung daran:
Während die Selbstabwertung suggerieren soll “Ich bin eh nicht gut genug”, meint die vorauseilende Rechtfertigung “Bitte, halte mich nicht für nicht gut genug.”
Eine Erkenntnis jagt die nächste
Inzwischen hat Isolde an ihrem Kommunikationsverhalten gearbeitet und achtet ganz genau darauf, die sprachlichen Marker der Selbstabwertung zu meiden. Zudem hat sie akzeptiert, dass sie eigentlich stolz auf sich und ihr Leben sein kann. Sie glaubt auch nicht mehr, ihre Erfolge abwerten zu müssen.
Doch nun eine neue Aha-Watschn: Ein neuer Gesprächspartner zeigte ihr ein weiteres Manko auf. Während eines Battle-Tennis-Kurses im Urlaub hatte sie sich mit Alex angefreundet. Sie gingen etwas trinken und Isolde hatte dabei das Gefühl, Alex würde auf ihre Fingernägel starren.

„Ja, ich weiß, die sind momentan nicht recht gepflegt“, sagte sie im vorauseilenden Rechtfertigungsmodus. Alex reagierte mit: „Ich habe nicht danach gefragt.“
Als Alex ihr bei der Abfahrt vom Urlaubsort half, das Gepäck ins Auto zu hieven, murmelte sie: „Ich hab halt nur ein kleines Auto, weil ich meistens eh nur in der Stadt fahre.“


Als Alex sie auf der Durchreise in ihrer Wohnung besuchte, erklärte sie: „Die Fenster sind nicht geputzt, weil ich ja im Urlaub war und ich bin seither noch nicht dazu gekommen.“
Außerdem erklärte sie: „Ich habe halt nur billige Möbel von Ikea, weil ich nicht weiß, ob ich ewig in dieser Wohnung bleibe.“


Zudem hatte sie offenbar gedacht, sie müsste dem Gast ein Mehlspeisenbuffet präsentieren und bedauerte:
„Ich habe keinen Kuchen, weil ich nicht zum Einkaufen gekommen bin.“
Zu allem Überfluss thematisierte sie auch noch den Eingangsbereich, als sie schon längst bei Tisch saßen:„Ich weiß, die Eingangstüre ist nicht sehr repräsentativ und das Stiegenhaus ist schäbig.“ Dem Mann war dies vielleicht gar nicht aufgefallen.

„Hör doch endlich auf, dich dauernd zu rechtfertigen.“
Alex, nachdem ihm diese Litanei an ungebetenen erklärungen gehörig auf die socken ging.
BAMM!
Schon wieder hielt ihr jemand den Spiegel vor. Und schon wieder verriet Isoldes Wortwahl, dass ihr Selbstbewusstsein noch immer sanierungsbedürftig war.
Alex war kein Kommunikationsexperte und doch war ihm ihre Sucht, sich zu erklären, sofort aufgefallen. Isolde steht mit diesem Manko keineswegs alleine da. Ganz im Gegenteil, es ist weit verbreitet
Die typischen, entbehrlichen Formulierungen:
- “Ich weiß, dass …“
- „halt“ – „Ich hab halt nur …“
- „weil“ ohne vorherige frage
- „nur“
- „Noch nicht dazu gekommen …“
- „Ich bin halt“ / „Ich kann nicht …“ / „Ich habe leider …“
- Konjunktive und Absicherungen: “Eigentlich sollte ich ja …”, “Ich weiß nicht, ob …”

Natürlich ist nicht jeder dieser sprachlichen Marker automatisch eine Rechtfertigung, es kommt auf den Kontext an. Wenn der Vorwurf nur in deinem Kopf ist, aber niemals vom anderen ausgesprochen wurde, dann handelt es sich um die vorauseilende Bitte: „Halte mich nicht für unwürdig.“
Und so hatte Isolde schmerzlich erkannt, dass sie immer noch nicht damit aufgehört hatte, sich permanent selbst auf den Schädel zu hauen. Aus lauter Angst, der andere könnte sie als unzulänglich empfinden, stößt sie ihn vorsorglich gleich mit der Nase auf alles, was er/sie eventuell kritisieren könnte.
Gscheit?
Nein. Dumm!
Und was jetzt?

Die Wurzel des Übels ist wieder einmal das Bewerten. Und zwar:
- die eigenen Fähigkeiten
- den eigenen Zustand
- das eigene Umfeld
- den Gesichtsausdruck des Gegenübers
- die Gedanken des Gegenübers
- die Meinung des Gegenübers
Wenn er/sie nicht explizit sagt “Hey, deine Möbel / deine Fingernägel / Eingangstüre und Stiegenhaus schauen aber so richtig schäbig aus”, dann hat er/sie es vielleicht gar nicht wahrgenommen und wenn, dann stößt er/sie sich mitunter gar nicht daran.
Und wenn? Dann ist es auch wurscht.
Schön, dass du bis hierher gelesen hast. Ein guter Tipp: Hör auf, zu interpretieren, was im Schädel des Gegenübers vorgehen könnte und spare mit Konjunktiven, wenn du sprichst. Jeden SiMOuNTAG erscheint ein neuer Beitrag.
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