Wir brauchen nicht hellsehen zu können um zu wissen, wie ernst manche Versprechen oder Ankündigungen gemeint sind. Es genügt, hellhörig zu sein. Denn große Worte erweisen sich mitunter als Schall und Rauch und werden nur gesprochen, um in den Genuss einer Dosis Vorschuss-Dankbarkeit zu kommen.
Manche netten Gesten brauchen keine Worte. Aber es gibt Menschen, die ihre Nettigkeiten gerne mit Worten ankündigen oder begleiten. Ab und zu ersetzen Worte die Handlung sogar.
Ich beginne mit einem scheinbar unbedeutenden Beispiel:

Katharina und ihr Bekannter Max sitzen am Donnerstagabend in einem Bistro. Sie essen Camenbert-Baguettes und trinken dazu je ein Glas Rotwein. Als der Kellner an ihren Tisch kommt, um zu kassieren, sagt Max mit gezückter Börse: „Alles zusammen.“ Katharina dankt, er winkt ab und die beiden sprechen weiter über das Thema, das sie kurz vorher angerissen haben.
Am Freitagnachmittag trifft Katharina ihren alten Bekannten Thomas im Café. Die beiden trinken Cappuccino, sie essen dazu Nussbeugerl. Noch bevor die Kellnerin mit der Börse kommt, richtet Thomas seinen Oberkörper gerade auf, öffnet die Handflächen wie der Messias, atmet ein wie vor einem Gesangseinsatz und sagt mit lauter Stimme: „Katharina. Darf ich dich heute auf diese Kaffeejause einladen?“ Katharina antwortet: „Danke, das ist wirklich sehr nett von dir.“

Das wird keine Abhandlung darüber, ob ein Mann zu zahlen hat, sobald er mit einer Frau in einem Lokal sitzt. Es geht mir auch nicht darum, Max als gutes Beispiel und Thomas als Selbstdarsteller zu präsentieren.
Die Frage: Warum begleiten große Worte k(l)eine Taten?
Welche Funktion haben die Worte, mit denen der eine seine nette Geste des Einladens begleitet, die der andere aber nicht braucht.
Max braucht sich selbst nicht zu inszenieren, er erklärt das Einladen nicht, seine Handlung spricht. Thomas umrahmt das Zahlen von Kaffee und Nussbeugerl sprachlich, was zunächst weder gut noch schlecht ist.
Möglichkeiten, warum jemand seine nette Tat mit Worten begleitet:
- Aus Höflichkeit oder Gewohnheit (Erziehungs- oder Typsache)
- Aus Unsicherheit: Will das Gegenüber diese Einladung überhaupt?
- Aus dem Wunsch nach Anerkennung: Das Gegenüber muss Dankbarkeit zeigen.
- Aus Selbstinszenierung: Die gute Tat soll in Erinnerung bleiben.
Immerhin folgt dieser großen Ankündigung von Thomas tatsächlich die Einladung. Eh klar, wenn die Kellnerin bereits anrückt. Katharina dankt, bevor Thomas die Rechnung tatsächlich bezahlt hat und schenkt ihm somit einen Vertrauensvorschuss. Sie geht davon aus, dass er auch wirklich zahlen kann. (Es soll vorkommen, dass jemand groß verspricht, einzuladen und dann zufällig gar kein Geld einstecken hat.)
Ich resümiere also:
Worte, die eine nette Tat begleiten, haben die Funktion, eine kommunikative Regel umzukehren.
Normalerweise gilt: Erst die Tat, dann der Dank.

Eine begleitende Ankündigung dreht dies um: Erst der Dank, dann vielleicht die Tat.

Und hier liegt ein Risiko, manchmal vielleicht auch eine Taktik: Ankündigung -> Dank -> nichts mehr
Leere Versprechen als Geschenk verpackt
Es geht nicht immer um eine Kaffeehaus-Zeche, die sofort zu bezahlen ist.

Es geht auch um Geschenke: Tante Hedwig schenkte ihrem Neffen Franzi zu Geburtstag und Schulabschluss im Jahr 1991 das Versprechen einer gemeinsamen Reise. Sie erntete dafür auf der Feier viel Dank und Lob. Letztendlich wurde bis heute nichts aus dem Urlaub. Jetzt redet niemand mehr darüber und Tante Hedwig hat viel Geld gespart.
Weitere Beispiele:
- Henriette darf den ganzen Sommer über auf Ausflüge mit dem Motorboot eines befreundeten Paares mitkommen und verspricht: „Aber irgendwann kommt ihr dafür über ein Wochenende ins Ferienhaus meiner Eltern mit.“
- Hans sagt zu seinen Arbeitskollegen: „Nächste Woche bringe ich euch vielleicht Salat aus meinem Hochbeet mit.“
- Margot eröffnet ihren Freunden, die ihr eine Couch von Ikea holen: „Demnächst lade ich euch zum Essen ein.“
- Birgit verspricht ihren Kolleginnen: „Irgendwann koche ich für euch meine berühmten Marillenknödel.“
Es sei dahingestellt, ob das Versprochene je eingelöst wird. Fakt ist aber: Manche holen sich bereits Dankbarkeit und Anerkennung für die Ankündigung.

Ankündigung -> Dank -> vielleicht Tat
Worte als Wahrscheinlichkeits-Indikatoren
Folgende sprachliche Marker geben Aufschluss über die Wahrscheinlichkeit der Tat:
- „Jetzt sofort“: Hier grenzt die Wahrscheinlichkeit, dass die Tat folgt, an Sicherheit.
- „Nächste Woche“: Die Tat wird schon unsicherer, aber immerhin wird ein Zeitrahmen gesetzt.
- „Demnächst“: Das ist uneindeutig und daher schon kritischer, weil es keine Deadline gibt.
- „Einmal“: Das kann man fast schon mit „nie“ übersetzen, denn wäre es der Person mit ihrer Tat wirklich ernst, würde sie einen Zeitrahmen nennen.
- „Irgendwann“: Ich traue mich zu behaupten, dass sich dahinter ein „sicher nicht“ verbirgt.
- Die Liste könnte noch viel länger werden: “vielleicht”, “mal sehen”, …
Erinnert man so jemanden an das (leere) Versprechen, denn kommt häufig zurück:
- „Ich habe es dir ja angeboten.“
- „Ich habe doch eh gesagt, ich mache das einmal. Du hast ja nichts mehr gesagt.“
- „Ach ja, das können wir eh einmal machen.“
Nicht alle, die nette Taten ankündigen, kneifen. Wer wirklich will, macht Nägel mit Köpfen und bemüht sich um einen konkreten Termin. Ich bin sicher, auch du kennst Leute, die gerne mit großen Worten Ankündigungen machen, aus denen nichts wird.
Was sagen wir darauf?
“Danke für gar nichts.”
Ich danke dir, dass du meinen Blog besucht hast. Jeden SiMOuNTAG erscheint ein neuer Beitrag:
- Danke für nichtsWir brauchen nicht hellsehen zu können um zu wissen, wie ernst manche Versprechen oder Ankündigungen gemeint sind. Es genügt, hellhörig zu sein. Denn große Worte erweisen sich mitunter als Schall und Rauch und werden nur gesprochen, um in den Genuss einer Dosis Vorschuss-Dankbarkeit zu kommen.
- “Du machst dich ja dauernd nieder”Unserer heutigen Beispiel-Figur ist gar nicht bewusst, dass sie sich verbal dauernd abwertet, bis ein Gesprächspartner sie aufbrausend darauf hinweist. Die Sprache deckt Dynamiken auf, in denen wir gefangen sind, vor allem, wenn so ein Feedback kommt. Darum suche ich heute nach Wegen, die Kommunikationsstrategie der Selbstabwertung hinter sich zu lassen.
- Vorsicht vor dem Lasso aus netten WortenLassoflechter*innen wollen ihre Hauptbezugsperson von der Herde isolieren, was nicht mit einem Ruck funktioniert. Sie drehen aus vielen freundlichen aber manipulativen Phrasen nach und nach ein starkes Lassoseil. Hier findest du eine Liste mit den sechs wichtigsten Strategien dieser heimtückischen Menschenfänger.
- Tollposing: So funktioniert Selbstdarstellung mit KramuriDie neue Flamme kommt! Schnell ein paar Wissenschaftsmagazine auf den Couchtisch legen! Wenn Objekte für ein Publikum extra zur Selbstdarstellung arrangiert werden, hat das nichts mehr mit Deko zu tun. Es ist Tollposing. Wie sogar Slipeinlagen, Kinderzeichnungen und Lateinhefte dafür herhalten und welchen sechs Regeln Tollposing folgt, erfährst du hier.
- Was, das alte Ding?Warum glauben wir eigentlich, anderen weismachen zu müssen, wir würden uns selbst nicht wertschätzen? Zumindest scheint es so, als gäbe es in unserem Kulturkreis eine soziale Norm, die uns nahelegt, Komplimente abzuwehren oder abzuschwächen. Da stellt sich die Frage: Werten wir damit nicht eigentlich das Gegenüber ab?







Leave a Reply