Lassoflechter*innen wollen ihre Hauptbezugsperson von der Herde isolieren, was nicht mit einem Ruck funktioniert. Sie drehen aus vielen freundlichen aber manipulativen Phrasen nach und nach ein starkes Lassoseil. Hier findest du eine Liste mit den sechs wichtigsten Strategien dieser heimtückischen Menschenfänger.

Will ein Hirtenhund oder ein Cowboy ein bestimmtes Nutztier von der Herde trennen, dann geschieht dies mit offensichtlichen Manövern und spätestens, wenn der Cowboy die Kuh mit dem Lasso zu sich heranzieht, wissen sowohl die anderen Tiere als auch die Auserwählte, dass sie gefangen ist.

In der menschlichen Gesellschaft laufen weit komplexere Dynamiken ab. Denn ein manipulativer Mensch, der eine Person emotional ganz für sich einnehmen will, dreht sich ein Lasso aus lieben Worten. Mit dem geht er sowohl auf die Sippe, als auch auf die/den Auserwählte(n) los.

Ein verbales Lasso reißt niemanden mit einem Ruck aus der Herde, sondern muss erst aus vielen, schmeichelweichen Strängen geflochten werden. Viele kleine scheinbar verständnisvollen Feststellungen, versteckte Kritik am Verhalten der anderen, kleine Komplimente und Hilfsangebote für die Zielperson flicht er/sie geschickt ein und sät damit Zwietracht.

Grundbotschaft: “Nur ich bin für dich da!”

Die Grundbotschaft ist nicht “Schau, die anderen sind alle schlecht” sondern “Schau, ich bin der /die einzige, auf den / die du dich verlassen kannst!” Das ist natürlich viel wirkungsvoller, als die Zielperson offensichtlich aufzuhussen.

Die Auserwählte soll natürlich glauben, sie würde sich aus freien Stücken von der Sippe absondern und nur noch für den lieben Manipulator da sein. Schließlich wirkt er wie der einzig Loyale.

Weil es sich um wie zufällig in ein Gespräch eingestreute Worte handelt, merken die Zielpersonen vielleicht gar nicht gleich, dass eine Person mit dem Lasso aus lieben Worten aus ihrer Mitte gerissen werden soll. 

An diesen Aktionen erkennst du, ob jemand gerade ein Lasso flicht:

  1. Gesäte Zweifel: “Du – vielleicht irre ich mich, aber ich habe den Eindruck, dass deine Mutter dich nicht ernst nimmt.”
  2. Scheinbare Neutralität: Formuliert werden nur Beobachtungen, es finden keine direkten Angriffe statt. “Mir ist aufgefallen, dass deine Tante den Kopf geschüttelt hat, als du dies oder jenes gesagt hast.”
  3. Vergleiche: “Es ist schon erstaunlich, dass dein Bruder Zeit hat, Tennis zu spielen, aber dir hilft er beim Möbelpacken nicht?”
  4. Umdeutung: Aus einer einmaligen Absage wird ein Beweis für mangelnde Loyalität gedreht.
  5. Gezielte Hilfsbereitschaft: Lassoflechter*innen springen genau da ein, wo andere gerade abgesagt haben um zu zeigen: “Nur auf mich ist letztendlich Verlass.”
  6. Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft vor Publikum: Lassoflechter*innen helfen, zahlen und schenken vor allem, wenn es eine größere Anzahl Menschen mitverfolgen kann. Zumindest bieten sie es in Gesellschaft an. Ob sie dann wirklich so hilfsbereit sind, ist fraglich.

So schaffen Lassoflechter*innen ein Kontrastbild zwischen all den anderen Unzuverlässigen und sich selbst: Eigene Stärken ständig ins Rampenlicht stellen, Scheinwerfer auf die Schwächen der anderen richten.

Beispiel eines Lassoflechters

Gregor erwies sich als besonders subtiler Brunnenvergifter, der seine Freundin vom Rest der Familie emotional trennen wollte, um sie für sich allein zu haben, dennoch war es ihm ein Anliegen, selbst einen guten Eindruck bei der Sippe zu bewahren. Also flocht er auch Lassos für andere Familienglieder.

Gregor war mit Magdalena, der Schwester seiner Freundin, zufällig in derselben Rückengymnastikgruppe.

In einer Kaffeepause während einer Rückengymnastikeinheit wurde über Magdalenas anstrengende Übersiedlung geredet, für die sie jede Hilfe brauch konnte, weil sie es ja ohnehin in der Lendenwirbelsäule hatte.

Also streute er ins Gespräch wie beiläufig ein, dass Magdalenas Schwester in seiner Wohnung als Überraschung einen Großputz vollzogen habe. Sogar die Teppiche habe sie in den Hof gezerrt, um sie ordentlich durchzuklopfen. Er wollte zeigen, dass die Schwester zwar Zeit für einen unaufgeforderten Hausputz bei ihm habe, nicht aber für Magdalenas Übersiedelung.

Im nächsten Atemzug fragte er Magdalena mit einem Lächeln: „Brauchst du Hilfe? Ich führe gerne ein paar Möbelstücke für dich in die neue Wohnung!“ Diese nett wirkende Frage war eine hochmanipulative Demonstration: „Schau her, deine Schwester lässt dich hängen und rackert sich lieber für mich ab, aber ich bin für dich da!“

Gregors Ziel war nicht nur, seine Freundin aus der Herde zu isolieren. Er ging einen Schritt weiter und versuchte, die gesamte Herde auseinanderzutreiben, indem er bei jeder Gelegenheit mit netten Worten Unfrieden stiftete und zu diesem Zweck sogar seine eigene Freundin vor deren Schwester mit netten Worten denunzierte.

Ich weiß nicht, ob solche Menschen wie die Lassoflechter*innen ihre Strategien bewusst einsetzen, oder ob es Charaktersache oder erlerntes Verhalten ist. Wichtig ist nur, über manipulative Taktiken Bescheid zu wissen.

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One response to “Vorsicht vor dem Lasso aus netten Worten”

  1. Irene Avatar
    Irene

    Liebe Simone,
    LassoflechterInnen … sehr beeindruckend, wie du das einfach – anhand einer Geschichte erklärst u an Beispielen beschreibst…

    Toll, dass du auch Bilder aus früheren Zeiten verwendest.
    Bitte das alles bitte nie löschen bzw hardcopy oder irgendwo sicher speichern .. es wird Teil Deiner Ausstellung im Karikaturmuseum.

    Ich bin immer noch felsenfest davon überzeugt und glaub an Dich als Künstlerin!

    In Freundschaft aus dem Urlaub (in Ruhe Luxuszeit geniessend), Irene

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