Was, das alte Ding?

Was, das alte Ding?

Warum glauben wir eigentlich, anderen weismachen zu müssen, wir würden uns selbst nicht wertschätzen? Zumindest scheint es so, als gäbe es in unserem Kulturkreis eine soziale Norm, die uns nahelegt, Komplimente abzuwehren oder abzuschwächen. Da stellt sich die Frage: Werten wir damit nicht eigentlich das Gegenüber ab?

Mir fällt auf, dass die soziale Norm, Komplimente zurückzuweisen, stark etabliert ist. Das glaubst du nicht? Dann geh jetzt hinaus und lobe jemanden für die fesche Frisur oder die schöne Bluse.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wirst du hören: „Ach, geh bitte, das ist ja nichts Besonderes“ oder „Ach, die Haare gehören schon längst gewaschen“ oder „Geh, die Bluse war ganz billig“ oder „Das alte Ding?“

Vier mögliche Gründe, warum wir Komplimente abwehren

  1. Verlegenheit: Ein Kompliment lenkt die Aufmerksamkeit kurzfristig auf die eigene Person. Das ist manchen Leuten unangenehm.
  2. Bescheidenheit (ist eine Zier, wie gut stünde sie auch dir!): Vielen von uns wurde beigebracht, eigebildet zu wirken, wenn wir einem Kompliment zustimmen.
  3. Das Gesicht wahren: Mit Antworten wie “Ach, das alte Ding” signalisieren wir, dass wir uns nicht für etwas Besseres halten.
  4. Selbstbild: Manche glauben dem Kompliment wirklich nicht und tun es ehrlich als Irrtum ab.

Wie würden wir ohne Kenntnis der sozialen Norm reagieren?

Kinder demonstrieren mit ihren Reaktionen häufig, wie Kommunikation ohne kulturelle Skripte ablaufen könnte. Dazu bringe ich ein Beispiel:

Als meine Tochter etwa sechs Jahre alt war, war sie in einer Phase, in der sie gern Prinzessinnenkleidchen trug. Als wir gemeinsam mit anderen auf der Straße zu einer Veranstaltung gingen, lobte eine ältere Cousine sie: „Du bist wirklich sehr hübsch mit dem Kleid und auch die Frisur passt hervorragend dazu.“ Das Mädchen dankte, jauchzte und hüpfte ein paar Sekunden vor Freude.

Meiner Tochter war diese ungeschriebene Norm der Alltagskommunikation noch nicht bekannt. Sie wagte es, das Kompliment voll und ganz anzunehmen und ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Die Cousine hatte sich bestimmt gefreut, dass sie mit wenigen Worten ein kleines Glück verursachen konnte.

Eine Watschen für den Kompliment-Geber?

Warum geht das bei Erwachsenen so schwer und warum wird man meistens gleich verbal niedergebügelt, wenn man etwas Positives anmerkt? Wird das Kompliment nicht gleich mit “nein, geh bitte!” zurückgewiesen, dann wird es relativiert (“Danke, aber es war ja ganz billig!”) oder ergänzt (“Ach so ja, das hab ich mir vor ein paar Jahren in Kroatien bei einem Standl gekauft.”)

Ich bemühe mich ist geraumer Zeit, Komplimente lächelnd mit einem einfachen „danke“ zu beantworten und kann sagen, es fällt mir nicht leicht. Denn auch ich bin versucht zu sagen: „Ach, das Kleid war ganz billig – im Sale bei H&M“ oder „die Bluse ist fast zehn Jahre alt“.

Ein Kompliment anzunehmen bedeutet nicht, sich selbst zu loben. Es bedeutet lediglich, dem anderen zuzutrauen, dass er ehrlich gesagt hat, was er wahrgenommen hat.

erkenntnis

Ein Kompliment ist ein kleines, kommunikatives Geschenk. Wer es aus oben genannten Gründen relativiert, tut es wahrscheinlich nicht mit dem Ziel, das Gegenüber abzuwerten, ab. Genau genommen weist man mit Bemerkungen wie “ach, das alte Ding?” das Geschenk der Wertschätzung nicht zurück, sondern lässt es im Raum stehen und lenkt ab.

Schleimerei gibt’s natürlich auch

Freilich kann es sein, dass Komplimente aus Kalkül an dich herangetragen werden. Ich sag nur „Schleimschwinger“ – die Spezies, die es mit dem Lob übertreibt, um dich gefügig zu machen.

Wenn du in Dauerschleife angeschleimt wirst, merkst du es eh. Offenbar glauben wir, nicht das Recht zu haben, attraktiv zu wirken, obwohl sich fast jede(r) darum bemüht. Einen guten Eindruck machen wollen wir aber durchaus, aber offenbar sollen die anderen glauben, dass wir uns dessen nicht bewusst sind. 

Es muss ja nicht gelogen sein

Aber es gibt durchaus noch ernst gemeinte Bemerkungen zu einem besonders gelungenen Outfit oder einer guten Leistung.

Wir geben viel Geld aus, um in der Gesellschaft ein gutes Bild abzugeben, pflegen uns, arbeiten uns vor dem Spiegel ab, aber die anderen sollen glauben, dass wir uns für graue Mäuse halten.

Dass wir als Erwachsene nicht mehr hüpfen und jauchzen, wenn jemand unser Gewand und die Frisur lobt, verstehe ich, aber ich empfehle, beim nächsten Kompliment nicht gleich auf Abwehr zu gehen, sondern einfach dafür zu danken. Und aus.

Keine Bemerkung darüber, dass wir das Teil ja schon vor mehreren Jahren gekauft haben oder dass es kostengünstig war. Auch kein Hinweis darauf, dass die Frisur ruckizucki fertig war. Einfach nur ein freudiges „Danke“. Vielleicht wird das doch irgendwann leichter?

Zumindest gilt es, einmal darüber nachzudenken, warum die anderen glauben sollen, wir seien uns eines ansprechenden Outfits oder einer gelungenen Leistung nicht bewusst.

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