Es gibt Leute, die kennen sich aus auf der Welt. Warum? Weil sie voll den Durchblick haben. Sie schnappen irgendwo beiläufig irgendeinen Klatsch auf, wissen gar nicht genau, um wen es geht, aber kennen sofort die ganze Geschichte dazu. Unbekanntes lädt eben zum Interpretieren ein.

Lass mich ein paar Beispiele erzählen:

Marietta interessiert sich brennend für den Buchhalter und Hobbymusiker Martin. Weil sie sich auch bei ihrer Cousine Christine (die Martin gar nicht kennt), über Martin erkundigt, erzählt Christine freimütig: „Eine ehemalige Volksschulkollegin von mir hat, glaub ich, einen mit diesen Familiennamen geheiratet. So viel ich weiß, haben die in Hintertupfingen ein Haus gebaut und drei Kinder.“

Marietta spricht Martin bei einer „zufälligen“ Begegnung darauf an; „Wieso hast du mir nicht erzählt, dass du in Hintertupfingen verheiratet bist und drei Kinder hast?“

Martin lacht und klärt sie auf: „Mein Bruder Klaus war in Hintertupfingen verheiratet, hat drei Kinder, ist aber seit zwei Jahren geschieden. Schlecht recherchiert, liebe Dame!“

Als Marietta Martin schon länger nicht mehr im Umfeld seines Bürohauses angetroffen hatte, horcht sie den Barista am Eck aus. „Ich glaube, dieses Finanzdienstleister-Büro ist vor einigen Wochen dort oben ausgezogen.“

“Schlecht recherchiert, liebe Dame!”

Als Marietta es irgendwann endlich wieder schafft, Martin über den Weg zu laufen, bedauert sie ihn: „Deinen Job gibt es nicht mehr und du bist arbeitslos hab ich gehört? Das ist schlimm.“

Martin lacht wieder und antwortet: „Unsere Firma ist in ein anderes Gebäude gezogen, weil das alte Büro zu klein geworden ist. Schlecht recherchiert, liebe Dame!“

Diese Fähigkeit, eine Fehlinformation von inkompetenten Gesprächspartnern als Grundlage für Tatsachenwissen heranzuziehen, haben viele Menschen.

Ein weiteres Beispiel:

Kassandra hatte am Konservatorium super Klavierspielen gelernt und eines Tages ergab es sich, dass sie ein gemeinsames Konzert mit dem Sänger Alfred organisierte. Ihre Cousine Marla fragte, wie es dazu gekommen war. „Ich kenne Alfred aus Jugendtagen und wir hatten uns 20 Jahre lang nicht gesehen“, erklärte Kassandra, „bei einem beruflichen Termin sind wir uns vor kurzem wieder begegnet und da haben wir beschlossen, dieses gemeinsame Projekt zu starten.“

Nun war es aber so, dass Marla die geschiedene Frau von Alfred gut kannte. Und sie hatte nichts Besseres zu tun, als der Exfrau zu berichten: „Kassandra hat mir erzählt, dass sie früher mit Alfred zusammen war und jetzt spielen sie gemeinsam.“

Das war wirklich nicht die Botschaft, die Kassandra ihrer Cousine vermittelt hatte, aber diese hatte es eben so verstanden.

Die Exfrau interpretierte die Infos wieder neu und schoss Alfred bei der nächsten Übergabe der Kinder an: „Diese Kassandra hat erzählt, du bist mit ihr zusammen?“

Alfred kreierte sich eine eigene Story daraus und glaubte fortan, Kassandra hege heimlich Gefühle für ihn, sei darum frustriert und versuche, sich mit solchen Gerüchten zu rächen. Eine zeitlang gärte der Unmut in ihm, bis er Kassandra während einer Probe mit Vorwürfen konfrontierte.

Kassanra konnte sich dazu nur verwundert die Haare raufen.

So wurde aus einer reinen Sachinformation, dass Kassandra Alfred von früher kannte („kannte“ und nicht mehr) eine Geschichte über eine gescheiterte Liebesbeziehung, über eine laufende Affäre bis zu einem Rachefeldzug wegen unerfüllter Begierde.

Alles Humbug, aber die Geschichte gedieh und machte sich selbstständig – nicht ohne tatkräftiges Zutun vorauseilender Fantasie.

Es passiert etwas, das weit über schlechte Recherche hinausgeht:

  1. Kassandra erzählt eine sachliche Information.
  2. Marla interpretiert diese Information auf ihre eigene Weise.
  3. Marla gibt ihre Interpretation als Aussage Kassandras weiter.
  4. Die Exfrau interpretiert die weitergegebene Information erneut.
  5. Alfred zieht daraus wiederum seine eigenen Schlüsse.
  6. Was das Blödeste ist: Auch wenn alle Beteiligten aufgeklärt werden, kriegen sie das Kopfkino nicht mehr weg.

Manchmal interpretieren wir falsch und legen uns damit selbst ein Ei:

Was lernen wir aus der G’schicht?

Missverständnisse: Was gesagt wird und was ankommt, kann mitunter ganz schön auseinanderklaffen.

Subtext: Was Menschen zwischen den Zeilen zu hören glauben, ist reine Fantasie. Weil sie aber auch nie akzeptieren können, dass es Dinge gibt, die sie nicht wissen und nie wissen werden!

Projektion: Wie eigene Wünsche und Befürchtungen die Wahrnehmung verändern, das kann fatal sein. Denn dann wird es emotional!

Gerüchte: Wie aus Vermutungen vermeintliche Tatsachen werden, sehen wir nicht nur an diesen Beispielen, sondern beinahe täglich im eigenen Dasein.

Recherche: Warum Nachfragen manchmal klüger ist als Schlussfolgern, erklärt sich wohl von selbst.

Die wichtigste Lehre aus den Storys: Glaub nicht alles, was du denkst. Nun ja, ich denke, nächsten SiMOuNTAG erscheint der nächste Blog. Und das ist so ziemlich sicher.

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