Kalokagathia

Kalokagathia


Dieser griechische Ausdruck ist eine Verschmelzung aus zwei wundervollen Adjektiven und hat es in sich, denn Kalokagathia bedeutet „gut und schön“ in einer Person. Warum Kalokagathia ein super Ziel aber auch eine Falle sein kann und was sie mit dem Ehebrecher Tristan zu tun hat, liest du hier.


Bezeichnest du dich selbst als gut und schön? Oder gibt es jemanden, den du als Kalokagathos bezeichnet würdest? Wer sich völlig verblendet verguckt oder sich aus sonstigen Gründen in eine blindwütige Begeisterung verirrt, läuft schon mal Gefahr, das Gegenüber als ausschließlich gut (kalos) und schön (agathos) zu sehen und die schlechten Eigenschaften auszublenden.

Zum Beispiel, wenn man so verliebt ist, wie das lyrische Ich in diesem Song:

Falls später – nach dem Abfallen der rosa Brille – nur noch Schlechtes und Hässliches übrig bleibt, dann ist es schon tragisch, falls man noch während der Verblendung Verbindlichkeiten (Ehe, sonstige Verträge, emotionale Abhängigkeit) eingegangen ist. Dann verdienen Anwälte und Psychotherapeuten. Doch wir halten am Glauben an Kalokagathia fest und hoffen, sie irgendwann irgendwo zu finden.

Wenn ich draufkomme, dass der vermeintliche Kalokagathos nur ein weiteres blindes Huhn war, das von meiner Verblendung profitierte, dann wird klar: Der Deckel hat sich kurzfristig mit einem falschen Topf zufrieden gegeben.

Falls dich eine genauere Definition von Kalokagathia interessiert, klicke hier.


Kalokagathia (griech. Schön- und Gutheit, Vortrefflichkeit), fasst die beiden Adjektive kalos und agathos zusammen und drückt damit den doppelten Aspekt des Ästhetischen und Ethischen aus, unter dem die Griechen die menschliche Trefflichkeit zu betrachten pflegen. Kalokagathos ist der Typ des durch körperliche Übung schönen und zugleich geistig-sittlich gebildeten Mannes. Im 5. Jh. verengt sich der Begriff zu einem sozialethischen Terminus und dient schließlich zur politischen Standesbezeichnung der Aristokraten, wo wir einen Ansatzpunkt sehen dürfen für die Fragen des Sokrates nach dem Guten und Schönen. Im 4. Jh. wird die K. zu einer Wertbezeichnung umgedeutet, die eine ethisch-philosophische Persönlichkeit umschreibt. In der Ethik des Aristoteles stellt die K. den Inbegriff der Tugend dar. Die Faszination dieses sprachlichen Ausdrucks zeigt sich im Weiterleben des Begriffs in der europäischen Geistesgeschichte (z.B. Herder). Quelle: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/kalokagathia/1029 (Zugriff: 28.7.2025)

Kalokagathia – der Song

Wie oft fiel uns die Toleranz 
schon schmerzhaft auf die Köpfe?
Manch blindes Huhn ergriff die Chance
und der Deckel falsche Töpfe!
Der Anspruch ist hinaufgeschraubt,
Was ist ab jetzt nur noch erlaubt?
Kalokagathia!
Kalokagathia!
Kalokagathia!
Wie oft gab es einen Skandal 
und ein Mordstrumm-Malheur?
All das wegen der schlechten Wahl,
Nach all den Dramen ich nun schwör:
Nie wieder Griffe in den Sumpf
Was wäre nun der Trumpf?
Wenn man in den Sumpf greift, weil man glaubt, dort gute Gesellschaft zu finden. Der gerade in den Kübel plumst, ist eher kein Kalokagathos.
Kalokagathia!
Kalokagathia!
Kalokagathia!
Kalokagathia ist das Prinzip
„Schön, gut, gescheit und lieb“.
Was nicht voll entspricht dem Wort,
Jagen wir in Zukunft fort!
Kalokagathia!
Kalokagathia!
Kalokagathia!

Tristan bekommt Vorschuss-Lorbeeren als Kalokagathos

Ich sammle Worte, die mich faszinieren und manchmal widme ich ihnen Songs, wie ich es mit Kalokagathia mache. Der Ausdruck begegnete mir während der Beschäftigung mit mittelalterlichen Heldenepen, deren Hauptfiguren meist adelige Jünglinge sind. 

Zum Beispiel Tristan ist so ein Held. Seine Eltern sterben kurz nach seiner Geburt und er wird von einem Bediensteten seines Vaters aufgezogen. Nicht einmal er selbst weiß, dass er ein Königssohn ist, als er zufällig im Reich seines Onkels, dem König Marke von Cornwall strandet.

Doch durch sein vortreffliches Saitenspiel, seine Fähigkeiten bei der Jagd, seine sagenhafte Schönheit und seine kämpferischen Heldentaten zeigt der unbekannte Jüngling das Prinzip der Kalokagathia, was natürlich seinem adeligen Stammbaum geschuldet ist.


Auch wenn König Marke und Teile des Gefolges Tristan vergöttern, so macht er sich durchaus auch eifersüchtige Feinde. Als er sich stellvertretend für seinen Onkel ins feindliche Irland begibt, um ihm ausgerechnet von dort die Königstochter Isolde als Braut zu beschaffen, was ihm nach einigen Heldentaten glückt, tritt der Game-Changer ein:

Während der Rückfahrt am Schiff trinken Tristan und Isolde irrtümlich vom Minnetrank, den Isoldes Mutter eigentlich mitgegeben hat, um der geplanten Ehe zwischen Marke und Isolde Leidenschaft einzuflößen. Nun aber ist Tristan trunken vor Verliebtheit. Isolde auch.


In Cornwall angekommen, hintergehen Tristan und Isolde den ahnungslosen Bräutigam Marke, wo es nur geht und beginnen mit tatkräftiger Unterstützung Isoldes Hofdame Brangäne ein geheimes, leidenschaftliches Verhältnis.

Tristan und Isolde treffen sich bei jeder Gelegenheit – zum Beispiel im Park unter den Bäumen. Sie sind verrückt nacheinander und verarschen den eigentlichen Bräutigam, König Marke, aufs Niederträchtigste.


Der Betrug geht so weit, dass die Hofdame Brangäne statt Isolde in der Hochzeitsnacht in das Schlafzimmer zu König Marke geschickt wird, um zu vertuschen, dass Isolde keine Jungfrau mehr ist. Der König merkt nicht, dass er die Falsche entjungfert. Aber das Liebespaar erlaubt sich noch mehr Ungeheuerlichkeiten.


Ob der Hofstaat jemals hinter das Verhältnis von Tristan und Isolde kommt, musst du schon selbst lesen. Ich verrate dir nur: Dieser mittelalterliche Versroman ist 1210 entstanden und immer noch ein Fragment, weil der Autor Gottfried von Strassburg starb, bevor er ihn vollenden konnte. Aber er ist spannend und ich empfehle dir das Epos von Gottfried von Strassburg wirklich zur Lektüre. Du brauchst es nicht in Mittelhochdeutsch zu lesen, es gibt ihn auch im heutigen Deutsch.

Nicht einmal Tristan ist nur schön und gut


Selbst beim mittelalterlichen Roman-Helden bekommt das Prinzip der Kalokagathia Risse, denn so einen dreisten Ehebruch können wir doch kaum „schön und gut“ nennen, vor allem weil der Gehörnte Tristans Onkel ist, der ihn liebevoll aufgenommen hat und vergöttert.

Da greift König Marke von Cornwall sich ratlos an die Krone und fragt: “Wo bleibt denn meine frisch angetraute Isolde?” Die Bediensteten tuscheln mitleidig. Was niemand weiß: Isolde knutscht draußen mit Tristan unter dem Baum.

Alle mittelalterlichen Romanhelden (Perceval, Iwein, Erec, …), denen Kalokagathia angedichtet wird, verlieren im Lauf ihrer Geschichten an Glanz, weil sie allzu menschliche Unzulänglichkeiten zeigen.

Schon die mittelalterlichen Epiker wussten, dass das Kalokagathia-Prinzip ein Ideal ist, das nur in der Theorie besteht, weil die Herausforderungen des Lebens jedem noch so Schönen und Guten dann und wann einen Knacks zufügen. Aber jeder Held nähert sich auf seinem Weg über Fehltritte und Irrtümer langsam wieder der Kalokagathia an.

Kalokagathia war für Aristoteles der Inbegriff der Tugend. Der antike Philosoph wusste allerdings genau, dass niemand sein Leben lang durchgehend schön und gut sein kann. Er empfahl, sich täglich wieder für die “goldene Mitte” zwischen zwei Extremen zu entscheiden.

Jeden, der nicht der Kalokagathia entspricht, in Zukunft gleich fortzujagen (wie ich es mit im Song ironisch vornehme), wäre also auch nicht schön und gut. Aber als blindes Huhn im Sumpf zu fischen – das muss auch nicht sein.

Ich finde es kalos und agathos, dass du hier bist! Jeden Montag um 7 Uhr morgens erscheint hier eine neue Song-Geschichte. Das sind die neuesten Blog-Beiträge:

  • Die gute und die schlechte Abhängigkeit
    Der Kapitalismus steht über allem, auch über dem Patriarchat. Oder warum sonst haben Chefs eigentlich noch Besitzansprüche, die Ehemännern von Rechts wegen längst entzogen wurden, weil sie unmoralisch sind? Warum ist es legitim, sich von Unternehmen in einer Art ausnutzen zu lassen, die man in einer Beziehung nicht mehr dulden würde?
  • Positives Festkleben
    Die Lehre von der Macht des positiven Denkens ist schon ein gutes Geschäft. Wer seinem Mindset die alleinige Schuld an allen äußeren Umständen zuschreibt, bleibt vielleicht zu lange in einer toxischen Situation kleben und holt sich eben Hilfe bei Gurus, um sie zu ertragen. Dabei kommt nicht alles Gute oder Schlechte nur von innen.
  • Voll gefoggt
    Was haben manche Gespräche und Verhandlungen mit Zauberkunst zu tun? Sie entwickeln sich durch Ablenkung ganz anders als erwartet. Wenn der rote Faden im Nebel verschwindet, dann steht ein Gesprächspartner auf und geht, denn er hat erfolgreich „Fogging“ betrieben und somit gewonnen.
  • ‘Sie ist ja selber schuld’
    Das Special zum Valentinstag kann eigentlich gleich nahtlos ins Weltfrauentag-Special übergehen, denn es hängt ja eh alles zusammen. So wie manche Menschen den Valentinstag als unnötig betrachten, weil er ja ohnehin nur ein Turbo für den Blumenhandel sei, so halten einige den Internationalen Frauentag für überholt. Der Mann sei ja ohnehin nur Spiegel des Selbstwertes der Frau.
  • “Ich war zu wählerisch”
    Manchen geht der Plan eines gutbürgerlichen Ehelebens nie auf, obwohl sie die besten Voraussetzungen hätten. Warum das so ist, versuche ich am Beispiel von Ferdinand herauszufinden. Offenbar hat er sich die Hörner jetzt abgestoßen, denn im Interview erzählt er von zu hohen Ansprüchen, Neurosen und Selbsterkenntnis.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *