Abschied von Papa

Abschied von Papa

Dieser Simountag steht im Zeichen der Trauer. Trauer ist für mich nichts, wovon man sich ablenken sollte, um auf andere Gedanken zu kommen. Schon gar nicht will ich sie möglichst flott verdrängen, um wieder lustig sein zu können. Ich finde, Trauer gehört intensiv und bewusst durchgestanden. Sie dauert, so lange sie eben dauert – und so lang wird getrauert.

Allen voran: Wenn die Ehefrau, der Bruder und die gesamte Nachkommenschaft am Sterbebett eines Mannes versammelt sind, um seine letzten Atemzüge in dieser Welt zu begleiten, dann hat dieser etwas Entscheidendes richtig gemacht. Das Vermächtnis, das er dieser Welt hinterlässt, ist groß.

Die letzten Stunden verbrachte mein Vater im künstlichen Tiefschlaf, aber seine Familie – darunter zwei Töchter und vier Enkelkinder – erlebte seine letzten Atemzüge bewusst, ergriffen, voll Trauer, aber letztendlich in der Bereitschaft, ihn loszulassen.

Am 7. Oktober 1952 brachte Hermine Göls (geborene Frittum) ihr Söhnchen Peter in Wien zur Welt. Weil ihr das zweite Kind, Elisabeth, im Säuglingsalter gestorben war, wollte sie beim dritten Kind die beste medizinische Betreuung. So wurde Peter zum gebürtigen Wiener, obwohl er sein ganzes Leben lang an einer einzigen Adresse in Krems gemeldet war: Im Haus seiner Vorfahren und Eltern – Wachtertorgasse 1.

Aber auch etwas Anderes zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben: Krankheit. Jedenfalls musste er seit seiner Kindheit Medikamente nehmen.

Im Sommer 2025 war Papa im Krankenhaus, weil er Wasser im Herzen hatte. Zudem bekam er zu wenig Sauerstoff etc.

Seinen Lebensunterhalt verdiente er im Familienbetrieb und er gründete schon in jungen Jahren eine Familie – mit einer Ehefrau und drei Kindern (zwei Mädchen und einen Jungen), die das Zentrum seines Lebens war und für die er alles gab.

V.l.n.r.: Simoun, Salvia, Rafaela, Peter, Sven bei Hager in Traismauer (Dort war er sehr gern.)

Im Alter von 50 Jahren erlitt er einen Hinterwand-Herzinfarkt. Damals stand sein Leben schon auf der Kippe, er musste arbeitstechnisch einen Gang zurückschalten und gut auf sich achten.

Sein gesundheitlicher Zustand glich einer Achterbahnfahrt und nicht nur einmal sah es so aus, als würde er den nächsten Tag nicht mehr erleben. Doch er entwickelte Dankbarkeit für jeden Augenblick, lernte sein Leben zu genießen und war immer von jener Familie getragen, die er selbst gegründet hatte.

Peter (r.) beim Silvesterfeiern 2024-25 im Familienhaus

Neben dem Zuhause im historischen Kremser Stadtkern und dem Garten in Furth war die Piaristenkirche Heimat für ihn. Jahrelang leistete er dort als Messner treue Dienste.

Ein fürchterlicher Rückschlag waren die Krankheit und der viel zu frühe Tod seines Sohnes Tobias (r.), der am 2. November 2021 nach unermesslichen Leiden starb. (Dieses Bild wurde an einem Vatertag im Schanigarten des Café Berger in Krems aufgenommen.)

Nicht zuletzt dieser Verlust muss Peter derart geschwächt haben, dass er wenige Monate später – während der Covid19-Pandemie – einen Schlaganfall erlitt und drei Monate lang im künstlichen Tiefschlaf auf der Intensivstation verbrachte. 

Die Mediziner schätzten seine Chancen als gering ein, aber seine Familie – allen voran seine Frau Rafaela – taten alles, um ihm im im Familienverband und in seinem Zuhause wieder aufzupäppeln.

Es ging bergauf mit Peter. Er genoss jeden Schluck, jeden Bissen, den er selbstständig zu sich nehmen konnte und wollte um keinen Preis einen Event seiner Familie verpassen – ganz egal, wie schwach er sich gerade fühlte. 

Ob es Geburtstagsfeste, Studienabschlussfeiern, Konzerte oder Vernissagen seiner Kinder und Enkel waren – Peter erschien frisch gekämmt und stylisch gekleidet. In den vergangenen Jahren gab es einige Krankenhausaufenthalte – Behandlungen auf der Onkologie, auf der Kardiologie. 

Der letzte Geburtstag: Am 7. Oktober 2025 feierte Peter mit Familie (rechts ist Viktoria) im Marktspiel Krems Geburtstag.

Jedesmal war es ernst und jedesmal wirkte er so schwach, als sei das Ende gekommen, aber Peter stand wieder auf und kämpfte sich ins Leben zurück. Gezeichnet von seinen Krankheiten, aber mit starkem Lebenswillen konnte er in den letzten Wochen seines Lebens noch einige Höhepunkte seiner Familie mit seiner Anwesenheit beehren. 

Der 20. Geburtstag seiner Enkelin Salvia im November 2025. Man merkt, wie schwach Peter ist. Aber er war dabei und feierte mit.

So feierte er Ostern mit seiner Familie, wohnte der Sponsion seiner Tochter an der Universität Wien bei, sang bei einem Konzert mit, fehlte auch bei der Muttertagsfeier in kleinem Rahmen nicht und es war ihm der eine oder andere Eiskaffee in einem Gastgarten vergönnt.

“Papa steigt ins Meer nur einmal …” Diese Strophe des Songs “Das ist nicht normal” gehört ihm. Jedesmal, wenn wir sie bei einem Gig gesungen haben, war das sein Moment.

Sieh selbst, wie sehr er seine Strophe des Songs “Das ist nicht normal” genossen hat. Es war nämlich auch nicht normal, dass er derart lächelte. Er war glücklich.

Darum ahnten weder er noch seine Familie, dass er den nahen Vatertag 2026 nicht mehr erleben würde. Sein Motto war nämlich: „Aufgeben ist keine Option.“ 

Dennoch war offensichtlich, wie geschwächt er war, denn manchmal konnte er sich kaum noch am Sessel halten. Sein Herz war zu schwach geworden und hatte Mühe, ihm die Kraft zu verleihen, sich über längere Zeit aufrecht zu halten.

Darum stürzte er am Morgen des 19. Mai zuhause, wobei er sich nicht nur eine Platzwunde, sondern auch einen Milzriss zuzog. Die notwendige Operation samt Narkose war zu viel für ihn. Darum bat das Team der Intensivstation die Familie ins Krankenhaus Krems. Und es kamen alle: die Töchter, die vier Enkel, die Ehefrau, der Ex-Schwiegersohn und Vater dreier Enkel, sowie Peters Bruder. 

Alle versammelten sich um Peter, der längst im Tiefschlaf lag, sprachen mit ihm, hielten seine Hände, streichelten sein Gesicht, sein Haar oder waren einfach da. 

Peter ging als glücklicher Mann.

Peter Josef Göls ging am 20. Mai 2026. Der Schmerz der Familie ist unermesslich, die Fassungslosigkeit des Umfeldes ist riesig und dennoch gibt es Trost, denn er konnte noch viel Schönes erleben und war bis zum Schluss eingebettet in so viel Liebe. Und hier schließt sich der Kreis: Peters Vermächtnis ist riesig, denn die Liebe, die er gegeben hat, wurde vervielfacht und hat Bestand.

Danke, dass ich diese Erfahrung mit dir teilen darf. Jeden Simountag kommt ein neuer Post:


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