Der Vergebung wird eine große heilende Kraft nachgesagt. Ich halte diesen Terminus nicht in allen Fällen für angebracht. Meiner Erfahrung nach kann das Wort “Vergebung” wie eine Einladung klingen. Weil ich mich selbst ohne fatalistischen Masochismus von Groll befreien will, halte ich den Ausdruck „In-die-Irrelevanz-entlassen“ für gesünder.


Feinden, beziehungsweise Menschen, die uns etwas angetan haben, zu vergeben, soll das Ziel haben, sich selbst zu befreien um keinen Groll mehr zu hegen. Denn Groll ist belastend und daher ungesund. Schön und gut. Ich habe dennoch ein Problem mit diesem Wort. „Vergebung“ – das klingt nach „In-die Arme-schließen“, nach Versöhnung und nach Wiederaufnahme in den Inner Circle.

Klicke hier für ein Beispiel, wie “Vergebung” falsch verstanden werden kann.

Die Konditorin Marianne war gerade in Trennung von einem gewalttätigen, eifersüchtigen Mann und schwer traumatisiert. Sie las in einem Buch von der Kraft der Vergebung und wollte so versuchen, sich ein Stück zu befreien. Damals war die Familie dieses toxischen Exfreundes noch mit ihr im Kontakt und seine Schwester kam sie unter einem Vorwand besuchen. Marianne erzählte der Schwester ihres Exfreundes, dass sie beschlossen habe, ihm zu vergeben. Mit welcher Konsequenz? Am nächsten Tag stand der Ex vor Mariannes Türe. Seine Schwester war nur gekommen, um Marianne auszuhorchen. Sie hatte ihm brühwarm weitererzählt, dass ihm eh alle Gewalttaten und der Psychoterror vergeben werden. Also witterte er seine Chance, wieder in Mariannes Leben zurückzukehren. Wäre “entlassen in die Irrelevanz” nicht der passendere Ausdruck gewesen? Also bitte aufpassen! Das Wort “Vergebung” kann wie eine Einladung zur Rückkehr klingen.

“Achtung! Das Wort “Vergebung” kann für manche wie eine Einladung zur Rückkehr zu dir klingen. Toxische Menschen könnten glauben, ihre Gräueltaten bleiben ohne Konsequenzen und sie dürfen dich weiterhin benutzen und verletzen.”

Leider alles schon mehrmals vorgekommen – mit fatalen Folgen

Vergebung ist gut, wenn es sich um die enge Familie handelt, mit deren Mitgliedern wir ohnehin immer verbunden bleiben.

Aber was ist mit Menschen, die ein halbes Leben lang Fremde gewesen waren und die wir uns aus einem blindwütigen Bedürfnis heraus so vertraut gemacht haben, dass sie unsere wunden Punkte kennenlernen und für sich nutzen konnten?


Menschen, die uns derart zugesetzt haben, dass wir jahrelang an einer posttraumatischen Belastungsstörung laborieren? Einem Gewalttäter, der Verbrechen gegen uns begangen hat, vergeben? Ihn von seiner Schuld befreien? Das klingt für mich nicht stimmig.


Das Adverb „vergebens“ bedeutet ursprünglich „verschenkt, umsonst“. Demnach verschenke ich die logische Konsequenz – nämlich Strafe, aus der er lernen sollte.


Natürlich ist es trotzdem ungesund, sich von innerem Groll zerfressen zu lassen. Da würde mir das Wort „entlassen“ schon besser gefallen.

Entlassung statt Vergebung

Somit muss ich der Person nicht vergeben, kann mich aber trotzdem befreien, indem ich sie in die Masse der Unbekannten, aus der ich sie einst herausgepickt habe, zurückscheuche.


Die Masse der Unbekannten besteht aus vielen Gesichtern, die durchaus ihre Mimiken haben können. Relevant sind diese für mich aber keineswegs, denn ich kenne sie nicht. Darum sind sie mir gleichgültig. Somit kommt die Null-Emotion „Gleichgültigkeit“ ins Spiel.

Stellen wir Gefühle und Emotionen wie auf einem Zahlenstrahl dar, dann ist die Gleichgültigkeit der Nullpunkt.

Im folgenden Post stelle ich das Prinzip “Gleichgültigkeit”, das beim Bewältigen von Groll dienlich sein kann, eingehend vor:


Wer mir gleichgültig ist, wird von mir nicht gesehen, wird nicht beachtet und bekommt daher auch weder negative, noch positive Emotionen geschenkt. Er oder sie kann auf einem Event neben mir stehen, wird aber nicht wahrgenommen. Seine Gefühle und seine Meinung sind für mich irrelevant.

Niemand will irrelevant sein, also halte ich dies für die saftigste Strafe und einzig wahre Konsequenz: Entlassen in die Irrelevanz oder Gleichgültigkeit. Denn Zorn wäre ein wertschätzendes Geschenk an diese Person – zu viel der Anerkennung.

Wenn ich keinen Gedanken und kein Wort mehr an jene Person zu verschwenden brauche, dann bin ich wirklich frei. Entlassung in die Gleichgültigkeit ist – wie auch die Vergebung – kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess.

“Zorn wäre ein wertschätzendes Geschenk an diese Person – zu viel der Anerkennung.”

Darum gehören toxische Leute effizient in die irrelevanz entlassen


Hilfreich kann es sein, diesen Prozess mit symbolischen Handlungen zu unterstützen und voranzutreiben. Zum Beispiel kann jeder Akt der Entsorgung zu einem Ritual werden.

Strategien der Entlassung in die Irrelevanz

Jedesmal wenn du den Gelben Sack oder den Restmüll aus deinem Wohnbereich schaffst, kannst du dir vorstellen, wie die Spuren der Verletzungen durch diese Person nach und nach abgeführt werden. 
Denn oft ist es ja nicht die Person selbst, die dir immer noch zu schaffen macht, sondern das, was du mit dir machen hast lassen.


Diesen ganzen Unrat-Kübel voller Erinnerungen kannst du auch gedanklich ins Meer schütten. Entsorgt wie stinkende Fisch-Überreste, die sogleich von Meeresbewohnern vertilgt werden. 


Jedesmal, wenn du das Stiegenhaus oder deine Wohnung kehrst und wischt, kannst du dir vorstellen, wie sich die anhaftenden Erinnerungen lösen, auf die Mistschaufel gekehrt werden und sich im Müll mit dem übrigen Unrat vermengen oder mit dem Wischwasser im Klo versenkt werden.


Ich resümiere also:

Vergebung ist etwas Wichtiges, aber ich würde sie auf Menschen beschränken, mit denen du verbunden bleiben willst oder musst, weil sie zum Beispiel zur engen Familie gehören.

Alles andere kann in die Gleichgültigkeit entlassen werden.

Welche Gefühle hast du für die Verpackungsreste in diesen Gelben Säcken? Hass, Zorn, Begehren, Trennungsschmerz oder gar Liebe? Nein, gar nichts! Die Null-Emotion Gleichgültigkeit herrscht hier. Du brauchst das Klumpert nimmer und es aufzubewahren, würde dir nur die Wohnung verdrecken. Also lässt man den Mist abführen ohne mit der Wimper zu zucken. Und genau da musst du bezüglich der Leute, die dich belasten, hin.

Mehr zur Traumabewältigung mithilfe des Gelben Sacks:

An diesem SiMOuNTAG kommt bei mir die Müllabfuhr vorbei, um den Gelben Sack zu holen. Das ist entlastend. Aber auch wenn gerade nicht Abfuhrtermin ist, erscheint an dieser Stelle ein Blogbeitrag. Übrigens: sehr bald haben wir auch wieder ein kleines Konzert:

Unser nächster Gig steht am 27. Juni 2026 an. Dieses Mal in Feuersbrunn am Wagram (Niederösterreich). Wir freuen uns, wenn Ihr dabei seid!

Das sind die neuesten Posts:

  • Warum müssen wir diesen akustischen Schmutz ertragen?
    Es klingt wie Glühbirnen in einem Standmixer: Das Handy 30 cm vor dem Gesicht, die Fresse eines Gesprächspartners am Display und das Handy auf ultra-laut – und das im Zug 20 cm… Read more: Warum müssen wir diesen akustischen Schmutz ertragen?
  • Unser Gig im Garden Project
    Es ist ein Musterbeispiel an Bottom-Up-Kultur, was aus einem verwunschenen Garten inmitten einer Häuserzeile, die schon fast abgerissen worden wäre, entstand: Das Garden Project an der Steiner Donaulände wurde von Kremsern für alle geschaffen und wir durften als Band am 12. September 2026 dort auftreten.
  • Die fatale Fantasie von “gut & böse”
    Was die Begegnung mit dem wirklich, wirklich Bösen erst ermöglicht? Der verbissene Glaube an das Gute. Ich bastle mir eine Fantasiewelt, in der ich den Figuren Charakter verleihe. Wenn der nix mit der Realität zu tun hat, dann wird’s gefährlich.
  • “Red´ nächstes Mal in a Sackl”
    Gute Kommunikation bedeutet nicht nur, die richtigen Worte zu finden. Gute Kommunikation heißt manchmal, mit Worten zu sparen. Denn wer mit der Textkeule um sich schlägt und das Gegenüber zum Mistkübel degradiert, hinterlässt eventuell verbrannte Erde. Wer nicht auf den Gesprächspartner eingeht, sollte besser in ein Sackl reden.
  • Start in ein Leben ohne Krafträuber
    Ohne schlechtes Gewissen auf sich zu schauen, ist für manche gar nicht so einfach. People Pleaser und Energievampire ziehen einander magnetisch an, denn wer seine Bedürfnisse zurücksteckt, meistens “ja” sagt und keine Grenzen steckt, den finden die Blutsauger immer! Hier gibt es vier Schritte raus aus der Sklaven-Falle.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *