Wie brutal man Liebenswürdigkeit und Lobhudelei als Werkzeug einsetzen kann, demonstriere ich dir heute. Wenn jemand erst „Love Bombing“ betreibt und kurzfristig investiert, um dir in weiterer Folge seine Interessen aufzuzwingen, dann handelt es sich um „manipulative Schmeichelei“. Leute, die so vorgehen, sind am gefährlichsten, weil sie so extrem nett wirken.

Je mehr Lebenserfahrung man anhäuft, desto mehr toxische Dynamiken begegnen einem. Schleimschwinger kannte ich bislang kaum. Sie wirken äußerst freundlich, weil sie Wertschätzung heucheln, nette Reden in deine Richtung schwingen. Aber ihr Verhalten ist alles andere als wertschätzend.

“Schleimschwinger” ist ein Compositum aus “schleimen”, weil sie so viel schmeicheln und loben und “Schwinger”, weil sie dauernd Reden schwingen, was sie doch nicht alles Tolles mit dir unternehmen werden (aber nie tun). Gleichzeitig schwingen sie fleißig mit red flags.

“Schleimschwinger-Schere” benennt die Diskrepanz zwischen ihren worten und der tatsächlichen zuwendung.

Schleimschwinger wacheln so freundlich und “wertschätzend” mit red flags, dass du glaubst, dir flattert Amor mitten ins Herz.

12 Top-Erkennungsmerkmale von Schleimschwingern

  1. Kontakt von 0 auf 100: Komplimente, häufige Nachrichten, Love-Bombing und das vermittelte Gefühl einer besonderen Verbindung, obwohl man sich kaum kennt.
  2. Geheuchelte Wertschätzung und große Worte wie “Du bist mir wichtig” passen eigentlich nicht zum tatsächlichen Zeitaufwand.
  3. Lob für Rücksicht mit latenter Erwartung: Hörst du öfter “Danke, dass du so rücksichtsvoll bist”? Das kann unterschwellig bedeuten: “Bleib ja so unkompliziert und bedürfnislos!” Achte darauf, ob du solch ein Lob öfter hörst und ob immer nur du zurücksteckst!
  4. Bekommst du nur die Krümel unter dem Tisch oder Restplätze? Treffen gibt es nur, wenn es der anderen Person in den Ablauf passt. Die gemeinsame Zeit wird nicht aktiv gestaltet, sondern du läufst einfach nur so nebenher mit.
  5. Investitionen ins Love-Bombing werden überhöht: Dir wird suggeriert, du sollst für seine/ihre weite Anfahrt, Hilfeleistung, netten Worte, leeren Versprechungen dankbar sein? Dann pass auf, denn das nimmt Überhand!
  6. Du wartest, organisierst, bist verständnisvoll, steckst zurück, aber umgekehrt gibt’s keine Extrawürste für dich? Diese Person setzt deine Flexibilität als selbstverständlich voraus, gibt sie dir aber nicht zurück.
  7. Abwertung und Zurückweisung werden in Lob und Schleimerei verpackt: Erst Zustimmung, dann Abwertung oder Forderung: „Ich finde es toll, dass du dich durchsetzt – aber …“. Das Lob dient als Polster, damit die eigentliche Botschaft schwerer angreifbar wird und soll zur Verschiebung deiner Grenzen zu seinen/ihren Gunsten dienen.
  8. Schuldumkehr, wenn du Bedürfnisse artikulierst: Ein Wunsch nach mehr Nähe oder Verbindlichkeit wird als dein Problem dargestellt. “Ich hab gewartet, bis du mal einen Vorschlag machst, sonst bin ja immer nur ich die treibende Kraft” oder “ach, du Böse verlangst, Priorität zu sein”.
  9. Feiger Rückzug, wenn’s ans Eingemachte geht: Solange alles unverbindlich und angenehm bleibt, ist die Person präsent. Sobald Entscheidungen oder klare Absprachen gefragt sind, wird ausgewichen. Dann wagt sie/er plötzlich keinen Videcall oder persönliches Gespräch mehr.
  10. Die Person reagiert empfindlich auf Grenzen: Ein informatives „Ich wünsche mir mehr Gegenseitigkeit“ wird nämlich als Angriff erlebt und zum “Vertrauensbruch” hochgespielt.
  11. Worte und Verhalten zeigen zwei verschiedene Realitäten:
    Bitte schau nicht darauf, wie jemand dich fühlen lässt, sondern darauf, wie jemand dich tatsächlich behandelt. Schöne Worte und übertriebene Komplimente alleine sind keine Grundlage, wenn du sonst eigentlich links liegen gelassen wirst.
  12. Warnung zu guter Letzt: Wenn du der Person nicht rechtzeitig auf die Schliche kommst und keinen klaren Schlussstrich ziehst, dann bleibt der Kontakt vermutlich lose bestehen, aber ohne klare Entwicklung. Das kann “Warmhalten”, “Benching” oder “Breadcrumbing” sein: Du bekommst gerade genug Nähe, damit die Verbindung nicht abbricht und du wieder benutzbar wirst, falls er/sie Bedarf hat.


    Zu abstrakt? Nun gut, dann wird es Zeit für ein konkretes Beispiel:

Achtung vor dem Schleimschwinger!

Die wahre Geschichte eines Schleimschwingers

Ich erkläre dir das Phänomen anhand der Geschichte von Isabella und Helmut.

Isabella bastelt Modeschmuck und Dekogegenstände aus Recyclingmaterialien und singt in einem Chor.

Helmut, der eigentlich sehr weit weg wohnt, hatte diese Aktivitäten auf Sozialen Medien wahrgenommen und schickte Isabella eines Tages über Messenger eine Nachricht, in der er ihre Kreativität lobte. „Ich möchte mich bedanken für das, was du tust. Ich gehe so in Resonanz mit dir“, so ähnlich der Wortlaut.

Interesse geheuchelt, Kontakt angebahnt

Also ergab sich eine nette Konversation, die sehr flott intensiv werden sollte. Die beiden waren wochenlang den ganzen Tag virtuell im Kontakt, schickten einander Videos, Fotos, Nachrichten, hatten freundliche Videocalls.

Anfängliche Investition, um zu ködern: Nach einiger Zeit nahm Helmut die Anfahrt von 300 Kilometern (eine Strecke) in Kauf, um eineinhalb Stunden einer Vernissage von Isabella beizuwohnen.

Er war nett gekleidet und benahm sich gut. Ein paar Wochen später besuchte er sie für ein halbes Wochenende zuhause. Es war nett, obwohl sie nichts Besonderes unternahmen. Für ihr Chorkonzert, das an diesem Wochenende stattfinden sollte, nahm er sich aber keine Zeit mehr, sondern fuhr ab. Mit Worten demonstrierte er Interesse, in der Praxis zeigte er Desinteresse.

Der virtuelle Kontakt blieb angeregt und durch viel Lob und vorgetäuschtes Interesse an ihren Aktivitäten versuchte er, ihr ein gutes Gefühl zu geben.

Die Schleimschwinger-Schere geht auf

Isabellas erster Besuch bei Helmut fiel ernüchternd aus, denn sie hatte sich seinen Gewohnheiten zu fügen. Er zeigte ihr weder die Gegend, noch spielte er irgendetwas mit ihr.

Er änderte wegen ihr seinen gewohnten Tagesablauf nicht und sie ließ ihn sogar für drei Stunden alleine, damit er Wichtiges erledigen konnte. Er lobte sie für ihre Rücksicht, als sie von ihrem Spaziergang zurückkam und sie dachte sich noch nichts Negatives.

Helmut hatte Isabellas ersten Besuch nämlich zum Anlass genommen, endlich ein paar liegen gebliebene Arbeiten zu erledigen. Zum Beispiel den Schutthaufen, der seit zwei Jahren in der Einfahrt lag, wegzuschaufeln.

Der schöne, wohltuende, virtuelle Kontakt ging weiter: kurze Videocalls kurz vor dem Schlafengehen oder zwischendurch untertags, viele nette Nachrichten. Isabella begann erst später, sich Gedanken zu machen:

Er fuhr nach Polen, um dort einen gebrauchten Rasenmähertraktor zu kaufen. Weil Isabellas Zuhause am Weg lag, legte er bei ihr eine etwa dreistündige Rast ein. Dann fuhr er viele Stunden am Stück, wickelte in Polen den Kauf ab und nutzte ihr Zuhause bei der Rückfahrt, um sich ordentlich auszuschlafen, bis er die letzten drei Stunden Heimweg in Angriff nahm.

Liebenswürdigerweise hatte er noch ein paar handwerkliche Tätigkeiten bei ihr erledigt. Das war es, was er für sie übrig hatte: einen halbfremden Schläfer in der Wohnung und ein paar müde Gefälligkeiten.

Aber anderen bietet er Quality-Time

Mit anderen Menschen unternahm er am Wochenende drauf einen zweitägigen Ausflug ganz in ihre Nähe, besuchte mit ihnen Museen, ging essen und zu einem Konzert – also ein dichtes Freizeitprogramm, das diesen Namen auch verdient. Aber für sie hatte er nichts dergleichen übrig.

Der nette virtuelle Kontakt ging aber weiter, obwohl sie in der Magengrube schon ein Grummeln verspürte. Nun war es angedacht, dass sie ihn am folgenden Wochenende besuchen sollte.

Er unterließ es, in einem der Gespräche auf diesen Besuch einzugehen, streute allerdings immer wieder ins Gespräch ein, dass er am Wochenende einen fünfstündigen Arbeitseinsatz zu erledigen habe. Dann hörte sie wieder, dass er Hollersaft ansetzen werde. Er wollte ihr implizit mitteilen, dass sie es ihm nicht wert war, sich am Wochenende für sie Zeit zu nehmen. Natürlich mit einem netten Lächeln.

Isabella merkte, dass sie nur die Krümel, die unter den Tisch fielen, bekommen sollte und dass seine Prioritäten überall lagen, nur nicht bei ihr. Wenn sie schon insgesamt 600 Kilometer zurücklegen sollte, um bei ihm zu sein, dann wollte sie auch die Zeit für gemeinsame Unternehmungen genutzt wissen.

Das teilte sie ihm mit. Er reagierte mit Gaslighting und meinte: „Sonst bin ja immer nur ich der, der Treffen anregt, darum wollte ich jetzt einmal abwarten, ob von dir etwas kommt.“

Einmal die Meinung gesagt = Plot-Twist

Es war nicht so, dass sie verlangt hätte, in ein 5-Sterne-Restaurant ausgeführt zu werden oder in die Oper. Nicht einmal einen Heurigenbesuch hatte sie vorgeschlagen. Aber der Wunsch nach wirklich gemeinsamer Zeit wurde zum Game-Changer.

Isabella war nur willkommen, wenn sie sich seinen Bedürnfnissen und seinem Programm unterwarf. Und es schien so, als würde Helmut all den Kram, der zu erledigen war, bewusst auf die kargen Zeitfenster schieben, die ihnen gemeinsam vergönnt gewesen wären. Vermutlich wollte er sich die übrige Zeit für wichtigere Dinge und Menschen freihalten.

Als Isabella vor dem vage angedachten Besuch direkt fragte, wann sie denn kommen könne, drückte er herum. Ab diesem Zeitpunkt hatte er nicht mehr den Mut, ihr in einem Videocall ins Angesicht zu blicken, sondern ergoss sich in kryptische Sprachnachrichten. (Feige war er also auch noch.)

Zurückweisung auf dem Silbertablett

Eine lange Sprachnachricht stach besonders hervor und sollte Isabellas Zuneigung abrupt abtöten. Die Nachricht war strategisch klug nach der Sandwich-Methode aufgebaut und begann mit Zustimmung und Lob für Isabellas klare Worte. „Ich finde es gut, dass du dich neuerdings für deine Interessen einsetzt – auch mir gegenüber …“

Sandwich-Methode als Kommunikationsstrategie: Mit Lob beginnen, dann eine zurückweisende Botschaft (liebreizend verpackt) drauflegen und zum Schuss dem Gegenüber die Verantwortung zuschieben – aber alles ganz liebenswürdig.

Bald schwenkte er auf seine Interessen um, die er auf besonders manipulative Weise zum Ausdruck brachte, nämlich mit viel Lob und suggerierter Wertschätzung.

Mit so vielen süßen Worten kann man sagen: “Wenn du dich nicht fügst, dann schleich dich!”

„Gleichzeitig möchte ich etwas anbringen, was in mir arbeitet – und das hat jetzt nichts oder nur am Rande damit zu tun, dass du gesagt hast, du möchtest Priorität sein. Natürlich kannst du kommen, aber wie du weißt, habe ich diesen fünfstündigen Arbeitseinsatz, den ich unbedingt erledigen muss.

Freilich habe ich das große Bedürfnis, dich zu sehen und mit dir Zeit zu verbringen, aber gleichzeitig ist in mir der Drang auch sehr groß, mich von Altlasten zu befreien und Dachboden sowie Keller zu entrümpeln. Dieser Drang steht im Wettstreit mit dem Bedürfnis, dich zu sehen und es ist fraglich, ob du dich so wertgeschätzt fühlst, wie du es verdienst, wenn ich gleichzeitig das Gerümpel fortschaffe.

Außerdem habe ich geplant, Holler einzukochen. Also wenn du sagst, du kannst das mittragen und fühlst dich trotzdem noch wertgeschätzt, dann kannst du schon kommen. Aber es ist die Frage, ob wir nicht doch sagen, wir sehen uns erst in zwei Wochen …“

Wenn du nicht unkompliziert bleibst, dann bekommst du ein süßes Herz:

Isabella merkte, dass sie einem stark manipulativen Charakter auf den Leim gegangen war, der sie mit strategisch eingesetzten Schmeicheleien darüber informierte, dass er sie nur als Unkomplizierte und Gefügige brauchen könne. Dennoch wollte er sie vorerst noch warmhalten, sonst hätte er es ja gleich beenden können.

Dieser nett wirkende Mann war also ein eiskalter Egoist, der durch anfängliches Love-Bombing Zuneigung erschlich, um sein Gegenüber fortan mit manipulativen Schmeicheleien zu lenken, damit es sich ausschließlich seinen Interessen fügt.

Bedürfnisse eines Gegenübers interessieren so jemanden nicht, obwohl er sich bemüht, nett und einfühlsam zu wirken.

Das Ende dieser Bekanntschaft war somit eingeläutet, denn auf so strategische Weise zurückgewiesen zu werden, ist um einiges brutaler, als mit adäquaten Worten. Helmut betrieb daraufhin noch Gaslighting indem er ihr vorwarf, sie habe kein Verständnis dafür, dass er eben viel arbeite. Und: „Ich habe mich bemüht, mich so wertschätzend wie möglich auszudrücken. Also – mehr geht echt nicht.“

Obacht vor Schmeichlern, denen es ausschließlich um das eigene Befinden geht

So charakterisiert ChatGPT den Protagonisten: “Helmut erscheint als jemand, der Nähe sehr gut herstellen kann, solange sie seinen Bedürfnissen dient, aber Schwierigkeiten zeigt, echte Gegenseitigkeit und Verbindlichkeit zu leben. Auffällig ist ein starkes Gefälle zwischen symbolischer Zuwendung (Lob, Aufmerksamkeit, Komplimente, ständiger Kontakt) und konkreter Investition (Zeit, Planung, Rücksichtnahme, gemeinsame Erlebnisse).”

Isabella hätte gerne in einem Videocall Schluss gemacht, doch Helmut war zu feige, ihr ins Gesicht zu blicken, also musste die Bekanntschaft per Textnachricht beendet werden. Schließlich meinte er, es sei so für ihn “angenehmer”.

Hast du solch ein Verhalten schon erlebt oder bist du vielleicht gerade in einer Bekanntschaft (denn Partnerschaft ist mit so jemandem nicht möglich) mit einem Schleimschwinger? Dann solltest du das sofort und ohne Widerruf beenden.

Die Absage an Schleimschwinger

Die gute Seele springt nicht mehr, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift, wenn Ihr pfeift. Die Falle, in die sie tappt, ist doch nicht zugeschnappt:

Am Ende stellt sich mir die Frage, welches Ziel diese Strategie aus Love-Bombing, manipulativer Schmeichelei und dennoch Auf-Distanz-halten verfolgt?

Wofür das alles? Für lenkbare Zuneigung!

Man darf nicht unterschätzen, welchen hohen Stellenwert Aufmerksamkeit für das Ego hat. Darum lohnt es sich für Schleimschwinger, nett zu sein, zu loben und anfänglich auch kurzfristig zu investieren. Die Belohnung besteht aus Aufmerksamkeit und Zuneigung, die er nach seinen Bedürfnissen lenken kann.

Helmut ist letztendlich gescheitert und nun ist Isabella auch klar, warum er mit so ziemlich allen Frauen in seinem Leben massive Probleme hat. Allein schon das wäre die ultimative red flag gewesen.

Bitte passt gut auf euch auf! Schleimschwinger können extrem gefährliche Krafträuber werden und sind aufgrund ihrer gespielten Liebenswürdigkeit anfangs leider schwer zu entlarven.

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