Die neue Flamme kommt! Schnell ein paar Wissenschaftsmagazine auf den Couchtisch legen! Wenn Objekte für ein Publikum extra zur Selbstdarstellung arrangiert werden, hat das nichts mehr mit Deko zu tun. Es ist Tollposing. Wie sogar Slipeinlagen, Kinderzeichnungen und Lateinhefte dafür herhalten und welchen sechs Regeln Tollposing folgt, erfährst du hier.

Unternehmen können Greenwashing betreiben oder auch Pinkwashing. Personen des öffentlichen Lebens können – ist der Ruf erst ruiniert – mit Hilfe des PR-Stabs durch gezielte Charity-Aktionen versuchen, sich rein zu waschen. Will eine Privatperson ein tolles Image aufbauen oder den Ruf reinwaschen, muss sie das selbst in die Hand nehmen.

Zwischenmenschliche Kommunikation geschieht nicht nur durch Worte, sondern zu einem großen Teil nonverbal. Zum Beispiel durch gezielt platzierte Objekte. Die Sozialpsychologie nennt das “Impression Management” oder “Signaling”. Ich nenne dies „Tollposing“, weil es hier nur um alltägliche, private Selbstdarstellung geht.

“Tollposing” ist ein Compositum aus “Posing” (Posieren bzw. sich in Szene setzen) und “toll” in einer Doppelbedeutung, weil die Person toll wirken will, dies mitunter aber tollpatschig rüberkommt.

Entscheidend ist immer der Kontext, in dem das Teil arrangiert ist.

Die 6 Regeln des Tollposings

  1. Zweckentfremdung: Der inszenierte Gegenstand dient nicht seinem eigentlichen Zweck sondern nur der Inszenierung des gewünschten Selbstbildes des Tollposers / der Tollposerin.
  2. Das Objekt erzählt eine Geschichte: Es geht schließlich nicht um das Ding selbst, sondern um die Botschaft: “Ich bin gebildet”; “Ich bin total erfolgreich”, “Ich bin politisch korrekt und kaufe nur Bio-Radieschen.”
  3. Das Ding muss entdeckt werden: Darum liegt es nicht irgendwo, sondern an einem Ort, wo es wahrscheinlich ins Auge fällt: am Couchtisch, am Klo.
  4. Die Botschaft soll beiläufig wirken. Zu sagen “Schau, wie toll ich bin” verfehlt seine Wirkung garantiert. Darum spricht das Objekt.
  5. Das Objekt ist Stellvertreter und ersetzt das angemessene Verhalten mitunter. Anstatt Instrumente wirklich zu spielen oder Bücher zu lesen, wirken die Objekte als sichtbare Symbole für einen musischen oder belesenen Geist.
  6. Das Publikum ist entscheidend. Manche Objekte werden nur dann plakativ präsentiert, wenn Gäste erwartet werden. Außerdem müssen Rezepierende erst bestimmte Rückschlüsse auf sozialen Status, Bildung, Fürsorglichkeit, Liebenswürdigkeit des Besitzers ziehen.

Welche Arten von Tollposing gibt es und was liegt herum?

  • Moralposing: Spendenquittungen, Fair-Trade-Produkte, Bio-Lebensmittel, politische Literatur etc. bewusst ins Szene gesetzt.
  • Erfolgsposing: Falsche Statussymbole (teure Uhren, Parfums etc. extra herausgelegt, wenn Besuch kommt), Pokale, Urkunden etc. aus dem Schrank geholt.
  • Beziehungsposing: Kleine Zetterln mit Liebesbekundungen dritter Personen, Fotos, Kinderzeichungen für alle sichtbar demonstriert.
  • Bildungs- und Kulturposing: Musikinstrumente, Fachzeitschriften und gescheite Bücher (keine Groschenromane) – aber Achtung, nicht jedes Bücherregal hat mit Posing zu tun. Nur, wenn Funktion und Positionierung nix miteinander zu tun haben.

Beispiele für Tollposing

Beziehungsposing: Karl ist ein 50-jähriger Mann, der sehr viel Schwierigkeiten mit seinen Exfrauen hat. Als Karl bei einer neuen Flamme zu Besuch ist, bringt er in seinem Toilettetäschchen ein Zettelchen mit einer Liebesbekundung seiner Tochter mit. Weil er nicht davon ausgehen kann, dass seine Flamme den Kulturbeutel durchwühlt, als er bis mittags schläft, legt er es vorsorglich demonstrativ auf ihren Schreibtisch.

Erwartungsgemäß steht die Flamme früher auf als er und findet das kleine Schriftstück dort. „Du bist der beste Papa der Welt. Ich hab dich lieb“ liest sie. Die Flamme wundert sich, warum dieses Zettelchen auf ihrem Schreibtisch neben dem Kulturbeutel des Gastes liegt und schöpft den Verdacht, Karl wolle ihr damit gezielt demonstrieren, welch guter Vater er sei.

Auch eine Möglichkeit, zu zeigen, wie toll man ist: Liebesbekundungen von dritten Personen bewusst in Szene setzen.

Hier ist es ganz eindeutig Tollposing: Das Zettelchen der Tochter erfüllt in diesem Kontext keine andere Funktion, als der neuen Flamme zu demonstrieren, mit welch tollem Vater sie es zu tun hat.

Karl benutzt Tampons

Karls Zuhause ist ein regelrechtes Beziehungsposing-Museum. Vor allem in stark frequentierten Räumlichkeiten, wie Vor- und Stiegenhaus, Toilette und Küche reiht sich eine schriftliche, kindliche Liebesbekundung an die andere. Selbst die Küchenfronten sind mit Kinderzeichnungen samt Lob auf den Papa vollgepflastert, was völlig übertrieben wirkt und auch nichts mit dem tatsächlichen Leben dieses Mannes zu tun hat.

Je privater die Räume werden (Schlafzimmer, Homeoffice, Bad, Dachbodenstiege), desto karger wird die Demonstration kindlicher Liebesbekundungen.

Gut möglich, dass er auch Tampons und Binden benutzt – aber nicht, um sie sich selbst zwischen die Beine zu schieben, sondern um Redwashing zu betreiben.

Karl lebt alleine in seinem Haus und hat regelmäßig seine halbwüchsige Tochter bei sich. Auf seiner Toilette prangt, auf Augenhöhe gut sichtbar, ein kleines, rosa Hängeregal, auf dem demonstrativ Damenbinden, Slipeinlagen und Tampons ausgestellt sind.

Ob Slipeinlagen, Tampons und Binden in diesem Ein-Mann-Haushalt so häufig benutzt werden, dass sie permanent offen und jederzeit griffbereit zur Schau gestellt werden müssen? Ich habe den Verdacht, sie werden eher zu Demonstrationszwecken als zu Menstruationszwecken dort ausgestellt. 

“Schaut her, ich bin so offenherzig wie mein Binden-Regal.”

Karl könnte diese Binden locker und ebenso griffbereit in einem geschlossenen Kästchen oder in einer Box aufbewahren. Aber er will vermutlich demonstrieren, dass sein Ein-Mann-Haushalt ein frauenfreundlicher sein soll. Ob jeder Frau, die dort ein- und ausgeht, diese Zurschaustellung gefällt?

Es geht nur um Karls Bedürfnisse, der sein ambivalentes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht mit Redwashing übertünchen will: „Schaut her, ich bin so offen wie mein rosa Monatshygieneregal und kümmere mich um eure Bedürfnisse.“

Redwashing: Wenn jemand wie Karl zwar nur Probleme mit Frauen hat, auf seinem Klo aber offen demonstriert, dass er genug Zellstoff für das Regelblut seiner Besucherinnen zur Verfügung stellt.

Wenn es Pinkwashing und Greenwashing gibt, passt Redwashing doch auch, oder?

Bildungsposing: Die 30-jährige Margit erwartet den ersten Besuch ihres Schwarms in ihrer Wohnung. In jungen Jahren hatte sie drei Semester Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität studiert, aber abgebrochen. Zurzeit arbeitet sie Teilzeit am Empfang eines Steuerberatungsbüros. Um bei ihrem Schwarm Eindruck zu schinden, stapelt sie zwei alte BWL-Bücher und ein Skript auf dem Nachtkästchen.

Was man nicht im Kopf hat, steht in Büchern. Wer diese gezielt positioniert, möchte vielleicht, dass andere glauben, er oder sie sei besonders gescheit.

Der Maurerlehrling Sebastian erwartet Besuch aus dem Sportverein. Im Vorfeld holt er ein paar Bücher und das Latein-Vokabelheft seiner Schwester, die eben erst maturiert hat, aus ihrem Zimmer. Er löscht mit Tintenkiller ihren Namen vom Schriftfeld am Heft und fügt seinen Namen ein.

„Latein-Vokabel, Sebastian XXX, 8a“ ist da zu lesen. Das Heft prangt ganz oben auf dem Stapel Schulbücher neben seinem Bett, als die Freunde mit ihm chillen. Ob sie wirklich glauben, dass Sebastian ein Gymnasium besucht? Sebastian hofft es.

Zugegeben: Tollposing ist (mit allen Ausformungen) eine harmlose, nonverbale Art des Angebens, schließlich ist unsicher, ob die Zielperson das inszenierte Objekt auch wahrnimmt und wunschgemäß deutet. Aber es ist doch versuchte Manipulation.

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass jemand Tollposing für dich betrieben hat? Oder hast du schon Objekte bewusst positioniert, um einen guten Eindruck zu machen?

Ich für meinen Teil positioniere solche Beiträge bewusst, um deinen Sinn für die kleinen alltäglichen Kavaliersdelikte der Kommunikation zu schärfen.

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