Unserer heutigen Beispiel-Figur ist gar nicht bewusst, dass sie sich verbal dauernd abwertet, bis ein Gesprächspartner sie aufbrausend darauf hinweist. Die Sprache deckt Dynamiken auf, in denen wir gefangen sind, vor allem, wenn so ein Feedback kommt. Darum suche ich heute nach Wegen, die Kommunikationsstrategie der Selbstabwertung hinter sich zu lassen.
Wer Selbstabwertung als Beziehungsstrategie nutzt, muss nicht unbedingt unter mangelndem Selbstvertrauen leiden. Manche machen sich klein, weil sie glauben, dass Kleinmachen Nähe herstellt und Größe Beziehungen gefährdet. Warum? Weil man gelernt hat, dass diese Kommunikationsstrategie wirkt.

Wenn du möchtest, dass dich niemand für eingebildet hält, niemand deine Konkurrenz fürchtet, niemand neidisch wird oder sich unterlegen fühlen muss, aber wenn dein Wunsch groß ist, dass sich alle in deiner Gegenwart wohlfühlen, dann opferst du wahrscheinlich dein eigenes Ansehen, um die Gefühle anderer zu regulieren beziehungsweise die Reaktionen des Gegenübers zu steuern. Die Sprache verrät diese Muster. Aber auch eine erste Veränderung geht über das Sprechen.
Nutzt du häufig diese sprachlichen Marker?
- „Ich kann ja nur …“
- „Ich bin halt nicht so begabt.“
- „Ich habe leider zu spät angefangen.“
- „Ich traue mir nicht mehr zu.“
- „Dafür bin ich zu alt / jung /ungebildet /unbegabt…“
- „Andere können das viel besser.“
- etc.
Drei sprachliche Strategien gegen die Selbstabwertung
- Neutralität: Wer sich einer solchen Dynamik plötzlich bewusst wird, ist versucht, es erst einmal mit Selbstüberhöhung zu versuchen. Aber die Rede ins Gegenteil umschlagen zu lassen, ist auch nicht konstruktiv. Besser wäre eine gesunde Neutralität, die mit einfachen Aussagesätzen gestaltet werden kann. Statt „Ich habe es leider nur zur Buchhalterin gebracht.“ den neutralen Aussagesatz „Ich arbeite als Buchhalterin.“ nutzen. Statt „Ich werde im Tennis nie sehr gut.“ einfach „Ich spiele gerne Tennis.“
- Füllwörter weglassen: Überlege, welche Adverbien und Füllwörter du weglassen könntest. Beginnen wir einmal mit „leider“ oder „nur“.
- Spar dir den zweiten Halbsatz: „Ich spiele Tennis, natürlich nicht wie ein Profi.“ „Ich spreche Spanisch, aber nicht recht gut.“ Meistens ist der zweite Halbsatz der eigentliche Täter, der die Entwertung ermöglicht.

Warum es nicht gescheit ist, sich klein zu machen
Okay, vielleicht ist die Selbstabwertung einfach eine erlernte Strategie, um dem Gegenüber nicht das Gefühl der Unterlegenheit zu geben. Vielleicht hat sie nichts mit dem eigentlichen Selbstwert zu tun. Aber abgesehen davon, dass das andauernde Kleinreden der eigenen Person auf Dauer das Selbstbild negativ beeinflusst, bringt es letztendlich auch das Gegenüber dazu, sich unwohl zu fühlen.
Die andere Person spürt, dass du nicht authentisch bist, weil sie eine Diskrepanz zwischen dem kompetenten Menschen, den sie vor sich sieht und dem dauernden Gerede, dass das alles nichts wert sei, wahrnimmt. Die andere Person fühlt sich vielleicht sogar in die Rolle gedrängt, dich dauernd aufbauen oder dir widersprechen zu müssen.
Beispiel: Wie Isolde merkt, dass sie sich dauernd niedermacht
Isolde ist auf dem Weg, um einen alten Freund Tom wiederzusehen und nimmt sich während der Autofahrt ins Restaurant fest vor, einen guten Eindruck zu machen, um die Bekanntschaft zu intensivieren. Als sie ihm im Restaurant gegenübersitzt, streut sie ins Gespräch ein, dass sie außer Englisch keine Fremdsprache könne, weil sie so unbegabt sei.

Außerdem erzählt sie: “Obwohl ich die Handelsakademie abgeschlossen habe, habe ich es nur zur Buchhalterin geschafft, das ist schon ein Jammer.” Sie erzählt beiläufig, dass sie sich nie gegen ihren Vater durchsetzen konnte, dass sie sich keine Fernreisen leisten könne und das Tennisspielen leider erst zu spät für sich entdeckt habe, um noch richtig gut darin zu werden.
Natürlich spricht auch Tom zwischendurch und Isolde bringt auch Sätze ohne Selbstabwertung hervor, dennoch geht sie verhältnismäßig oft auf ihre Schwächen ein. Erst als Tom aufbrausend wird und sagt: „Sag einmal, warum machst du dich denn andauernd so nieder? Das ist ja kaum auszuhalten!“, merkt sie, dass sie ihr Ziel, ihm zu gefallen und ihm ein gutes Gefühl zu geben, so nicht erreicht.
Isolde ist eigentlich stolz darauf, selbst für sich sorgen zu können und ihren Job schon lange und gut zu machen. Sie ist froh, ein sportliches Hobby gefunden zu haben, das ihr Spaß macht.
Darum denkt sie bei der Rückfahrt im Auto darüber nach, warum sie mit Selbstabwertung einen guten Eindruck beim Gegenüber machen will und aus dem Stegreif fallen ihr ein paar mögliche Gründe ein.

Warum Selbstabwertung als Kommunikationsstrategie?
Anhand von Isoldes Beispiel möchte ich aufzeigen, wie Menschen diese Strategie lernen und für sich wählen. Folgende erlernte Irrglaubenssätze können dem Muster zugrundeliegen:
- Kompetenz gefährdet Beziehungen: Die harmlose Aussage „Ich weiß“ ist in Isoldes Kopf in der Kindheit zur bedrohlichen Schlussfolgerung „Jetzt wird Papa wütend“ geworden. Erzählte ihr der Vater, ein Hilfsarbeiter mit Hass auf die “Großkopferten”, Wissenswertes und sie antwortete „ja, ich weiß“, wurde er wütend und schimpfte. Er spottete sie nach und wies sie zurecht, sie solle nicht immer „ich weiß“ sagen. Also gewöhnte sie sich schon als Kind an, auf Erzählungen des Vaters naiv dreinzuschauen und durch ein dummes „aha“ Unwissenheit vorzutäuschen.
- Bildung bedroht Zugehörigkeit: Auch im größeren Familienverband fühlte sie sich als Schülerin einer höheren Schule nicht angenommen. Also begann sie, vorsorglich abzuwerten, was sie tat, um den anderen zu zeigen, dass sie sich nicht für etwas Besseres hielt.
- Leistung erzeugt Schuldgefühle: „Wenn ich etwas gut kann, erzeuge ich negative Gefühle in jemand anderem” ist eine Befürchtung, die sie immer wieder bestätigt sieht. Ein Beispiel: In der Schule glänzte sie in der Leichtathletik, vor allem im Bodenturnen. Ihre beste Freundin war eifersüchtig und wurde missmutig, wenn andere sie für ihre Leistungen bewunderten. Also hatte Isolde jedesmal ein schlechtes Gewissen und schaute furchtsam auf ihre eifersüchtige Freundin, wenn sie zum Vorturnen gebeten wurde. Oft wehrte sie die Aufforderung zur Sonderstellung auch ab, um den Frieden zwischen ihr und der Freundin zu wahren.
„Wenn andere sich in meiner Nähe wohlfühlen sollen, muss ich mich klein machen.“
Diesen irrglaubenssatz legte sie für sich fest.
Isolde möchte dieses Muster überwinden und will mit der Wortwahl beginnen.

Eigentlich geht es also gar nicht um geringen Selbstwert, sondern um Versuche, die Gefühle des Gegenübers zu regulieren. Wer die Kommunikationsstrategie der Selbstabwertung nutzt, bezahlt mit der eigenen Authentizität. Isoldes Treffen mit Tom ist insofern heilsam, als sie anfangs noch glaubt, sich klein machen zu müssen, um akzeptiert zu werden. Aus Toms Reaktion lernt sie, dass Nähe nie durch Selbstabwertung entsteht, sondern indem sie sich wahrheitsgemäß zeigt.
Sich weder größer, noch kleiner zu präsentieren, als man ist – nur so kann echte Nähe entstehen, oder zumindest eine gesunde Kommunikation auf Augenhöhe.

Jeden SiMOuNTAG teile ich hier Überlegungen zur Kommunikation. Denn: Dynamiken gehen da ab, das ist nicht normal!
- “Du machst dich ja dauernd nieder”Unserer heutigen Beispiel-Figur ist gar nicht bewusst, dass sie sich verbal dauernd abwertet, bis ein Gesprächspartner sie aufbrausend darauf hinweist. Die Sprache deckt Dynamiken auf, in denen wir gefangen sind, vor allem, wenn so ein Feedback kommt. Darum suche ich heute nach Wegen, die Kommunikationsstrategie der Selbstabwertung hinter sich zu lassen.
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