Weihnachten ist eine Zeit, in der Traditionen wichtige Rollen spielen. Doch ist dir schon einmal aufgefallen, dass auch Rollenspiele mit festgelegtem Text zur Tradition geworden sind? Zum Beispiel das Überreichen und Entgegennehmen von Packerln, Geschenksackerln und Blumensträußen animiert zu einem bestimmten Schauspiel.
Was ist die wohl am häufigsten genutzte Phrase, wenn jemand ein (unerwartetes) Präsent vor die Nase gehalten bekommt? Zugegeben – ich habe das nicht wissenschaftlich untersucht – es ist nur eine individuelle, jahrelange Beobachtung: “Das wäre doch nicht nötig gewesen.” Und was kommt meistens von der schenkenden Person zurück? “Es ist ja nichts Besonders” oder “Ist ja nur eine Kleinigkeit”.

Gerade zu Weihnachten haben Sätze wie diese wieder Hochsaison. Vielleicht ist sich dieser Schenker nicht sicher, ob er etwas Adäquates gefunden hat und die Schenkerin bereut, sich nicht für das teurere Geschenk entschieden zu haben. Eventuell handelt es sich aber auch um fishing for compliments, denn das Geschenk sagt mehr über die Schenkenden als über die Beschenkten.
Sicher kann ich sagen, die zwischenmenschliche Kommunikation strotzt nur so vor eingespielten Rollenspielen, deren Texte alle drauf haben.
Texte, die jeder kann, eignen sich natürlich besonders gut für Songs, also dachte ich, ein Lied über das Rollenspiel des Schenkens wäre aufgelegt. Vor allem, weil ich ja noch nie ein Weihnachtslied geschrieben habe.
Dieser Song ist ein Fragment und wurde von uns weder geübt noch jemals aufgeführt (und er ist melodisch auch noch nicht so ausgereift, dass ich ein Video dazu hätte drehen wollen), aber als Entwurf existiert er bereits:
Nur eine Kleinigkeit – der Song
Es ist das Theater des Lebens, das alle zu Schauspielern macht.
Man stelle sich vor, Tante XY hat ein hübsches Geschenk gebracht.
Anstatt zu sagen „her damit“ oder noch besser „danke, ganz lieb“
Drischt man die Phrase, die das Theater des Lebens schrieb:
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Es ist das Rollenspiel des Schenkens, das niemand neu lernen muss.
Erst gibt es auf die Wange einen dicken, feuchten Kuss.
Dann gibt’s vermutlich ein Packerl oder Blumen in Cellophan,
Schon stimmen Beschenkter und Schenker den gängigen Wortwechsel an:
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!
Das wär doch nicht notwendig g’wesen!
Is ja nur a Kleinigkeit!


Ich möchte das jetzt gar nicht werten oder gar kritisieren, sondern nur an deine Hellhörigkeit für Rollenspiele des Lebens appellieren.
Auch wenn sich diese Beschenkte offensichtlich freut, so sagt sie, wenn sie sich an das Rollenspiel hält, mit ihrem Satz “Das wär doch nicht nötig gewesen”, dass sie das Geschenk eigentlich nicht brauche. Der Schenker wertet das Präsent mit der Phrase “is jo nur a Klanigkeit” ab.

Und damit halten sie sich an ein etablierte Protokoll, von dem niemand weiß, wer es je eingeführt hat. So wie das Schenken selbst.

In diesem Sinne wünsche ich ein schönes Weihnachtsfest.
Ich betrachte es als Geschenk, dass du hier bist! Jeden Montag erscheint hier ein neuer Beitrag. Das sind die Neuen:
- “Du machst dich ja dauernd nieder”Unserer heutigen Beispiel-Figur ist gar nicht bewusst, dass sie sich verbal dauernd abwertet, bis ein Gesprächspartner sie aufbrausend darauf hinweist. Die Sprache deckt Dynamiken auf, in denen wir gefangen sind, vor allem, wenn so ein Feedback kommt. Darum suche ich heute nach Wegen, die Kommunikationsstrategie der Selbstabwertung hinter sich zu lassen.
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