Noch nicht reif

Noch nicht reif

Da ist eine Sache schon viele Jahre her und trotzdem wurmt sie einen noch. Das ist doch nicht normal! Vielleicht liegt es daran, dass wir jetzt – als Gereifte – immer noch über unsere unreifen Fehler sprechen, als wären sie heute noch relevant. Schuld daran sind die Grammatik und unreife Zwetschken.


Ich saß in einer lauen Sommernacht mit meinem Laptop am kleinen Terrassentisch und hörte – ganz nebenbei, dass jemand oder etwas im Garten nebenan umherstreifte. Weil ich annahm, es sei eine Katze, verspürte ich keine Angst.

Doch als ein Geschoss mit einem Knall auf der Laptop-Tastatur zwischen meinen Händen landete, schreckte ich auf, meine Hände zuckten zurück.


Es war nur eine unreife Zwetschke von einem Ast, der aus Nachbars Garten ein Stück über meine Terrasse hängt. Ich atmete erleichtert auf, weil mich doch kein geheimnisvoller Nachtwanderer beschossen hatte und als ich nach der Zwetschke griff, um sie wegzuwerfen, dachte ich: „Wer noch nicht reif ist, fällt manchmal hart.“

In den folgenden Julitagen sollten noch mehr unreife Zwetschken über meiner Terrasse niedergehen; und zwar in so großer Zahl, dass ich mich kaum noch an meinen kleinen Terrassentisch setzen konnte.

Die heftigen Gewitter dieses Sommers sorgten dafür, dass all die abgefallenen Zwetschken einen Outdoor-Teppich bildeten, womit ihnen die Chance genommen wurde, jemals Reife zu erlangen.


Fällt ein Mensch hart, weil er aus Unreife falsche Entscheidungen trifft, kann er hoffentlich wieder aufstehen, aus dem Fehler lernen und weiterreifen. Ein Mensch kann schon mal voller Bedauern auf unreife Entscheidungen und Handlungen zurückblicken (wie ich es schon in der Song-Geschichte „Konjunktiv“ im Bezug auf Berufswahl erzähle). Dieser Song handelt von den ganz persönlichen, privaten Entscheidungen:

Noch nicht reif – der Song

Viele Jahre sah ich alles schlecht,
Dachte, die Welt sei ungerecht.
Zog das Flüchtige vor,
Vergaß, was ich aus Unreife verlor.
Konnte den Wert noch nicht verstehen,
Ließ mir Zeit – viel Zeit – entgehen.
Hatte das Ganze nicht im Blick,
Legte Stück für Stück ein Mosaik
Aus Schmerzen, Lust und Frust –
Ein Mosaik aus Steinen in der Brust.
Noch nicht reif, noch nicht reif, noch nicht reif,
Dachte, es wär gescheiter, wenn ich nach den Sternen greif.
Noch nicht reif, noch nicht reif, nicht nicht reif,
Ich war noch nicht reif.
Erst jetzt hab ich erkannt,
Welch starkes Band hab ich verbrannt.
Über Asche bin ich fortgeeilt,
Hab ein fernes Ziel angepeilt,
Mich für die Durststrecke entschieden,
Ein Leben mit dir vermieden.
Da brennt das starke Band, dass es nur so lodert. Stärker als das Feuer war es also nicht.
Noch nicht reif, noch nicht reif, noch nicht reif,
Dachte, es wär gescheiter, wenn ich nach den Sternen greif.
Noch nicht reif, noch nicht reif, nicht nicht reif,
Ich war noch nicht reif.
Unsicherheit hab ich vorgezogen,
Man hat mich zig-mal angelogen
Ohne Worte fallen zu lassen,
Lernte trauern, lernte hassen.
Was du mir gabst, hab ich nicht geschätzt,
Jetzt weiß ich, ich hab dich verletzt.
Noch nicht reif, noch nicht reif, noch nicht reif,
Dachte, es wär gescheiter, wenn ich nach den Sternen greif.
Noch nicht reif, noch nicht reif, nicht nicht reif,
Ich war noch nicht reif.

Noch nicht reif – eine Rechtfertigung


„Ich war noch nicht reif“ klingt wie eine Rechtfertigung für Fehlentscheidungen der Vergangenheit. Und genau das ist es auch. Ich versuche mich mit diesem Song vor mir selbst zu rechtfertigen, warum ich manche Angebote, Chancen, Gelegenheiten nicht genutzt habe und bedauere die Personen, die ich dadurch verletzt habe.

Aber vor allem bedauere ich mich selbst, weil ich ein Mosaik aus Steinen in der Brust (also Schmerz) gelegt habe.


Aber bereits in der Song-Geschichte „Konjunktiv“ moniere ich, wie sinnlos es ist, vor endgültig verschlossenen Türen zu heulen. So ist es auch hier. Ein gewisser Reifegrad erfordert, dass wir die frühere Unreife akzeptieren, um endlich in der Gegenwart ankommen zu können. „Viele Jahre sah ich alles schlecht, dachte die Welt sei ungerecht“, erinnere ich mich, um in zwei der nächsten Verse zuzugeben: „konnte den Wert noch nicht verstehen, ließ mir Zeit – viel Zeit entgehen“.

Reife und das klebrige Perfekt

Die Zeit ist eine Wegbereiterin der Reife und ein interessantes Phänomen, weil sie flüchtig ist. Auch hier ist die Sprache ein zuverlässiger Indikator dafür, wie ein Mensch denkt und ob er etwa noch zu sehr in der Vergangenheit lebt.


Das Perfekt drückt eine abgeschlossene Handlung der Vergangenheit aus, aber diese oder ihre Auswirkungen sind bis in die Gegenwart relevant.

Hier erfährst du, warum die Zeitform “Perfekt” so klebrig ist


Während das Präsens (meistens) das beschreibt, was jetzt ist, zeigt das Perfekt, wie eng Vergangenheit und Gegenwart zusammenhängen. Wir bilden das Perfekt mit einer Form des Hilfsverbs (haben oder sein) und dem Partizip II des Vollverbs: „Ich habe erkannt, ich habe verbrannt.“ „Ich bin gereift.“ Es sind also abgeschlossene Handlungen, die jetzt noch Auswirkungen haben. Das Präteritum (Imperfekt) ist dazu da, wirklich Abgeschlossenes oder Zustände der Vergangenheit auszudrücken. In Österreich spricht aber kaum jemand im Präteritum, sondern wir scheren alles Gewesene in der Alltagssprache über einen Kamm und nutzten eigentlich nur das Perfekt.


Auch für Zustände und Handlungen, die auf das Jetzt eigentlich gar keine Auswirkung mehr haben, nutzen wir in der österreichischen Umgangssprache immer das Perfekt – das uns streng genommen, das Gegenteil weismacht.

Wenn ich sage: “Ich hab mir Steine in die Brust gelegt”, heißt das, ich leide immer noch an dem drückenden Schmerz. Aber wie du siehst, sind die Steine mir schon vom Herzen gefallen und liegen jetzt im Wohnzimmer herum. Warum also das Perfekt verwenden? Steine wegräumen und im Präsens affirmieren: “Ich bin frei!”


Wie soll ich die Vergangenheit abschließen, wenn ich über sie immer wieder in der Perfekt-Form spreche, die eine bestehende Auswirkung auf die Gegenwart ausdrückt?

Ein Beispiel: Meiner Nachbarin ging 2024 eine Paradeiserpflanze ein. Das tat ihr leid. Ich schreibe dies bewusst im Präteritum, weil es ausdrückt, dass diese Sache Vergangenheit und somit heute völlig wurscht ist.

Sie hat daraus gelernt und kann es heute besser. Heuer hat sie neue Pflanzen gesetzt (Perfekt – weil noch relevant) und freut sich über diese Paradeiser, die allerdings noch nicht reif sind.

Eine Präteritum-Watschn für die Vergangenheit


Meine Empfehlung ist, bei unliebsamen Erinnerungen, die uns noch wurmen, einmal ordentlich mit einem gesunden Präteritum dreinzufahren und einen Cut zur Vergangenheit zu setzten. Sozusagen eine ordentliche Präteritum-Watschn, um noch ein allerletztes Mal über die abgeschlossene Misere zu sprechen. Und jetzt als reiferer Mensch nehme ich mir vor, jeden Tag mehr im Jetzt zu leben als in der Vergangenheit, damit ich mir nicht noch mehr Zeit entgehen lasse. Vielleicht kann mir das Präsens bei dieser täglichen Challenge helfen.

Die unreifen Zwetschken sind gefallen. Das ist wahr. Aber bald ist es nicht mehr relevant, denn jetzt räume ich sie weg, um wieder Zeit auf der Terrasse genießen zu können.

Jeden Montag um 7 Uhr morgens ist die Zeit reif für eine neue Song-Geschichte. Ich freue mich, wenn du reinschaust:

  • Unser Gig im Garden Project
    Es ist ein Musterbeispiel an Bottom-Up-Kultur, was aus einem verwunschenen Garten inmitten einer Häuserzeile, die schon fast abgerissen worden wäre, entstand: Das Garden Project an der Steiner Donaulände wurde von Kremsern für alle geschaffen und wir durften als Band am 12. September 2026 dort auftreten.
  • Die fatale Fantasie von “gut & böse”
    Was die Begegnung mit dem wirklich, wirklich Bösen erst ermöglicht? Der verbissene Glaube an das Gute. Ich bastle mir eine Fantasiewelt, in der ich den Figuren Charakter verleihe. Wenn der nix mit der Realität zu tun hat, dann wird’s gefährlich.
  • “Red´ nächstes Mal in a Sackl”
    Gute Kommunikation bedeutet nicht nur, die richtigen Worte zu finden. Gute Kommunikation heißt manchmal, mit Worten zu sparen. Denn wer mit der Textkeule um sich schlägt und das Gegenüber zum Mistkübel degradiert, hinterlässt eventuell verbrannte Erde. Wer nicht auf den Gesprächspartner eingeht, sollte besser in ein Sackl reden.
  • Start in ein Leben ohne Krafträuber
    Ohne schlechtes Gewissen auf sich zu schauen, ist für manche gar nicht so einfach. People Pleaser und Energievampire ziehen einander magnetisch an, denn wer seine Bedürfnisse zurücksteckt, meistens “ja” sagt und keine Grenzen steckt, den finden die Blutsauger immer! Hier gibt es vier Schritte raus aus der Sklaven-Falle.
  • Danke für nichts
    Wir brauchen nicht hellsehen zu können um zu wissen, wie ernst manche Versprechen oder Ankündigungen gemeint sind. Es genügt, hellhörig zu sein. Denn große Worte erweisen sich mitunter als Schall und Rauch und werden nur gesprochen, um in den Genuss einer Dosis Vorschuss-Dankbarkeit zu kommen.


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *